Das Expat - Storyboard:

Anne Richter:

Heimatlos -
wenn der VW - Passat zur Heimat wird...

10.01.2003

 

Zwei Jahre lang bereitete mein Mann ein Projekt für eine Chemiefirma im Ausland vor. Zwei Jahre lang glänzte er durch regelmäßige, meist einwöchige Abwesenheit. So hatten unsere beiden Kinder in ihrer jeweiligen Drei-Wort-Phase die Einheit „Papa – Arbeit – Shanghai.“ immer parat.

Dann war es so weit: Wir, das sind Papa, Mama, Selma und Nora, sind umgezogen. Wir sind nicht eine Straße weiter gezogen, sondern von Roxheim (in der Pfalz) nach Shanghai (in der Volksrepublik China).

Mit dieser zu überbrückenden Entfernung wird der Umzug selbst zu einer eigenen kleinen Lebensphase. Allein die Kartonphase dauerte genau vom 27. Juni 2002, 8 Uhr bis zum 11. September 2002, 14.30 Uhr jeweiliger Ortszeit. In dieser Zeit waren größte Teile unseres Besitzes in Kartons per Schiff oder Flugzeug unterwegs, wurden gepackt oder ausgepackt.

Vom 27. Juni bis 18. August hatten unsere Kinder immerhin noch einen festen Bezugspunkt: unseren alten Familienferrarie. Der stand voll beladen neben dem Haus, als die Möbelpacker ins Haus einzogen und wir ins Hotel auswanderten. Er trug uns mit samt unserem Fluggepäck zu Freunden, die uns vier noch 10 Tage Asyl gewährten. Der rote Passat war Zeuge als das weiße Taxi Papa abholte, der schon zwei Monate vor uns drei Frauen nach Shanghai fliegen musste. Weitere sieben Wochen schliefen wir in Gästezimmern, die uns bald sehr vertraut waren. Wir besuchten alte Freunde und Verwandte, fuhren an die Ostsee und statten Abschiedsbesuche ab.

Die Kinder lachten und stritten, sangen und schliefen regelmäßig in ihren Kindersitzen, die eine vorwärts die andere rückwärts mit genügend Abstand dazwischen, dass sie sich nicht treten konnten und bei Bedarf noch ein Fahrgast mehr auf die Rückbank passte.

Morgens telefonierten wir oft mit Papa, der gerade Feierabend hatte, und fragten nach dem Stand der Renovierungsarbeiten im neuen Haus, das wir alle drei noch nicht gesehen hatten. Meine Große lernte, dass es eine Zeitverschiebung gibt. Besonders beeindruckte sie es immer, wenn wir noch Schwimmen waren und Papa schon lange schlief.

Dann wurde es noch einmal ernst: Unsere Familienkutsche musste verkauft werden. Nur unter größte Anstrengung aller näheren Familienangehörigen ist dieser Verkauf abgewickelt worden. Meine Kinder hatten ihre Betten und Spielsachen, ihre Bücher und Breischüsseln in Kisten wandern sehen ohne zu protestieren. Bei jedem Containerschiff auf der Kieler Förde fragen sie mich, ob da unsere Sachen drin seien, und ließen sich damit auf später „in Shanghai“ vertrösten. Aber nun reichte es ihnen, nun verkaufte Mama auch noch das Auto. Das letzte, was uns geblieben war.

Erst als Mama die Kindersitze und die geliebten Schattenspender mit Janosch-Bildern samt aller Kinderkassetten herausnahm, entspannten sich ihre Gesichter wieder. Die mussten sie nicht hergeben, ein Glück! Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr ihnen unser rotes Auto ans Herz gewachsen war.

Inzwischen sind wir in Shanghai angekommen, die Kisten sind ausgepackt und die Autositze stehen unbenutzt in der Garage. Die Kinder vermissen weder sie noch das Auto. Meine Große fährt morgens und nachmittags souverän mit dem Kindergartenbus durch die verstopfte Großstadt. Und meine Kleine brüllt jedem Taxifahrer freudig ins Ohr: „Da wohnen wir. Yizhi zou!“ Letzteres ist chinesische Umschrift und bedeutet „geradeaus“. Sie wird immer verstanden. 

Wir haben hier ein neues Gefährt erstanden: einen roten Fahrradanhänger! Auch wenn ganz Shanghai gerade das Auto entdeckt, entdecken wir Shanghai mit dem Fahrrad. Auf den breiten Fahrradstraßen überholen wir die Fahrradmüllabfuhr, sind schneller als die Trinkwasserlieferanten und als jeder Arbeiter auf dem Weg zur Fabrik. Morgens und abends überholen wir sogar die neusten VW-Passats, die gerade sehr zahlreich die Shanghaier Straßen erobern und sich oft nur zentimeterweise vorarbeiten. Meinen Kindern gefällt das, - und mir auch. 

Ob unsere neue Kinderkutsche für sie zur kleinen Heimat werden kann?

Ob wir diese vorm nächsten großen Umzug auch verkaufen müssen? Noch hilft sie uns vor allem sehr dabei, hier heimisch zu werden. Wie weit wir auf diesem Weg schon sind, wurde mir kürzlich klar, als mein Mann mal wieder auf Dienstreise war. Meine Jüngste fragte zum x-ten Mal „Papa?“ und ich erklärte ihr zum x-ten Mal, wo und wann und überhaupt. Da hellte sich ihr Gesicht auf und sie sagte: „Papa – Arbeit – Shanghai!“ und war beruhigt. Denn wo wir sind ist ja zu Hause ...oder?

(Nov. 2002)


Hier können Sie uns Ihre Kommentare zur Story zusenden:


(hier klicken)

 

Copyright © 2003  IFIM GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Stand: 28. Juni 2010