Das Expat - Storyboard:

Anne Richter:

Weihnachten in Shanghai

10.01.2003

 

Auch in Shanghai weihnachtet es bedenklich und unübersehbar an vielen Stellen. Denn inzwischen hat sich auch bei den Chinesen herumgesprochen, dass im Dezember das wichtigste Fest für die Christen, das sind dann im Zweifelsfall erst mal alle „Weigouren“, alle Ausländer, ist und dass sich damit Geld verdienen lässt. Also kleben an allen Ladenfensterscheiben, die ausländerfreundlich sein wollen, häßlichste Weihnachtsmänner-Fratzen, die „Merry Christmas“ verkünden. Aus den Reittieren für Kleinkinder vor dem Supermarkt dudelt seit kurzem die Melodie von „Lasst uns froh und munter sein“, obwohl ich noch nie ein Expat-Kind darauf gesehen habe.

Dafür beobachtete ich einen chinesischen Opa, der laut klatschend und singend zu der Melodie sein Enkelkind zu noch mehr Freude animieren wollte, was nur bedingt gelang. (Ist das Zufall oder hat auch die chinesische Fassung etwas mit Weihnachten zu tun?) Selbst im Büro unseres Compounds wird man/frau seit ein paar Wochen mit „Merry Christmas“ begrüßt, und der Raum selber erstickt im Weihnachtskitsch und wirklich schönen Weihnachtssternen.

Die Vorweihnachtszeit innerhalb der Expat-Gemeinde teilt sich in zwei Hälften. Stichtag ist der 13.12. gewesen, der letzte Schul- und Kindergartentag. Die eine Hälfte flog – je nach Sitzplatzkapazität der Flieger – mehr oder weniger in dieser Nacht nach Deutschland/Europa/Australien oder sonst wo hin. Bei dieser Hälfte der Gemeinde hatten die Adventskalender nur 12 bis 15 Tage zu zählen, dafür wurden Einkaufslisten für die Heimat geschrieben, Koffer gewogen, letzte Geschenke bei der Schneiderin in Eilauftrag gegeben oder noch schnell eine „echte Markenjeans“ auf dem Copy-Markt für 50 RMB gekauft. Diese Hälfte hatte auch schon im November mit Plätzchen backen begonnen, damit noch Zeit zum Essen blieb.

Die andere Hälfte hatte 24 oder 25 Tage im Adventskalender (je nach Nationalität), hob sich das Backen für die kindergarten- und schulfreie Zeit auf, denn die „Lieben Kleinen“ wollen auch nach dem 13.12. beschäftigt sein und hatten nur ein Problem: Wo bekomme ich dieses Jahr einen echten Weihnachtsbaum her. Wer dieses Problem ganz pragmatisch mit dem Plastikbaum vom Vorjahr löste, musste trotzdem noch vor dem besagten Stichtag über Geschenke nachdenken, die klein, leicht und handlich sind, damit sie befreundeten Heimfliegern nicht den ganzen Koffer füllten. Und außerdem, wie schon erwähnt, muss der Nachwuchs sinnvoll beschäftigt werden. Nur wie?

Der Elternbeirat des Kindergartens organisierte für die Daheimgebliebenen am 3. und 4. Advent im verwaisten Innenhof des Deutsch-Französischen Kindergartens ein Adventssingen. Eine  weihnachtliche Feierstunde am 24.12. für Kleinkinder wird folgen. Viele Mütter organisierten Spielgruppen, gemeinschaftliches Basteln oder Backen, etc. innerhalb der Restgruppe, nach dem Motto: Hauptsache nicht den ganzen Tag allein mit den Kindern bei vorweihnachtlichem Regenwetter in Shanghai!

Da wir zu letzterer Gruppe gehören, kann ich von folgenden Ergebnissen berichten: zwei volle Dosen Kekse und ein Blech verbrannter im Müll; ein Fenster voller Schneeflocken, aus Papier geschnitten; drei Überraschungen, die nicht ausgeführt werden können (Mitleser!); eine Zweijährige, die „Schneeflöckchen Weißröckchen“ singen kann; ein 2-Meterbaum echte Nordchinesische Tanne im Topf, die vielleicht auch die nächsten Jahre ins Zimmer geholt werden kann, wenn sie die Shanghaier Sommerhitze überlebt. (Unser Gärtner ist sich da nicht so sicher.)

 Außerdem haben wir in dieser Zeit noch das „Annual-Dinner“ der Firma, eine sehr chinesische Angelegenheit, überlebt und einen dreiwöchigen „Bus-Kindergarten“, weil die benachbarte Baustelle die Räume des Kindergartens unbenutzbar machten. Diesen räumlichen Kindergartenausfall muss ich kurz ausführen, weil das so nie in Deutschland hätte passieren können:

Eines Dienstag vormittags zog eine sehr beißende, streng riechende Gestankwolke durch die Räume, die sich später auch als gefährlich, nämlich krebserregend erwies. Die Herkunft dieser Stoffe war schnell lokalisiert: Die Baustelle in der zweiten Haushälfte verarbeitete Baustoffe, die in Europa seit ca. 20 Jahren verboten sind. Innerhalb kürzester Zeit wurden 170 Kinder plus ErzieherInnen und gedeckter Mittagstische in die deutsch-französische Schule evakuiert. Dort wurde dann gegessen und in der Zeit alle Eltern angerufen, dass die Kinder heute schon um 1 Uhr nach Hause kämen. – Und so blieb es dann drei Wochen lang: Die benachbarte Baustelle konnte weder zum Unterbrechen ihrer Bauarbeiten bewegt werden, noch zum Benutzen anderer Baustoffe. Das Kindergartenteam entwickelte einen Notplan, der alle Kinder in kinderfreundliche Einrichtungen der Stadt kutschierte und so zumindest eine Vormittagsbetreuung sicherstellen konnte.

Die Kleinen fanden in privaten Häusern Unterkunft, die Großen gruppenweise ab und zu auch. So hat unsere Tochter einmal Plätzchen bei einem Mitschüler gebacken, während unser Haus drei Mal von 6 bis 14 Zweijährigen in Beschlag genommen wurde. Die Kinder fanden das meistens sehr schön, die ErzieherInnen waren am 13.12. wirklich urlaubsreif!

Ich war als zusätzliche Betreuerin der ‚Elefantengruppe’ in einer Seidenfabrik, was sehr interessant war. Tägliche Fahrten mit diesen Kindern durch Chinesische Attraktionen möchte ich nicht machen. Zu allem, was ihr euch schon vorstellen könnt oder selber kennt, wenn man mit einer oder mehreren Kindergartengruppen unterwegs ist, kommen hier noch zwei Faktoren hinzu: Kinder kann man immer anfassen und blonde Kinder sind ja so „piaoliang“ (süß/hübsch/etc.). D. h. konkret gesprochen und erlebt: Wenn wir Picknick im Park machten, war der Park kurze Zeit später leer und alle (na ja, fast alle), die sich darin aufhielten, waren um uns herum gescharrt und guckten, wie blonde Kinder (und davon gibt es im deutschen Kindergarten einfach einige) essen, spielen, etc. „Gucken“ bedeutet hier oft mit den Fingern begreifen! Das mögen nicht alle Kinder!  

Aber unsere Töchter haben die Zeit gut überstanden, nur ich habe keine einzige Vokabel mehr konzentriert gelernt. Jetzt beten und hoffen alle, wirklich alle Beteiligten, dass ab 6.1.2003 endlich wieder der Kindergarten benutzbar sein wird, denn die letzten Bauarbeiten in dem Haus sollen am 28. 12. abgeschlossen werden!

Denn endlich habe ich eine Mitstreiterin für chinesischen Schriftzeichen gefunden. Ab Januar werde ich mich von meiner kleinen 3-Frauen-Klasse trennen und mit einer Schweizerin zusammen Chinesisch in Wort und Schrift lernen. Darauf freue ich mich sehr! Denn jedes Zeichen, was ich lerne, eröffnet mir Welten! Hoffentlich fördert meine Freude meinen Fleiß!

 

 


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Stand: 28. Juni 2010