Das Expat - Storyboard:

Anne Richter:

yi – er – san ge nühai

Ein Drei-Mädelhaus im Land der Ein-Kind-Politik

27.02.2004

  

Wir sind Deutsche und Ausländer. Wir leben in der 20 Mio. Stadt Shanghai in der Volksrepublik China. Allerdings gehören wir zu den gewollten, angeworbenen Ausländern, die im Schutze einer internationalen Firma leben. Uns stehen - im Gegensatz zu vielen Chinesen in Deutschland - Landsleute der Personalabteilung zur Seite, wenn es richtig unangenehm wird: Gesundheitscheck mit HIV-Test, Mietverträge aushandeln (und hier wird richtig gehandelt!), auch bei einem Autounfall, der zum Glück noch nicht vorkam, könnten wir über das stets einsatzbereite Handy Hilfe von erfahrenen Chinesen herbeitelefonieren. Mit dieser Rückendeckung werden viele Stürze, die wir auf dem chinesischen Glatteis erleben, deutlich abgefangen. Trotzdem bleiben natürlich blaue Flecken zurück. Selbst schuld, denn unsere Entscheidung für das Angebot aus Fernost hatte auch etwas mit Abenteuerlust zu tun. 

Wir sind ganz offensichtlich Ausländer. Denn im Gegensatz zu den Japanern, Koreanern und anderen Asiaten, die auch zahlreich in Shanghai leben, aber in der Masse der schwarzhaarigen untergehen, gehören wir zu den sichtbaren, auffälligen Ausländern. Mit 169cm Körperlänge bin ich nur etwas größer als der Durchschnitt im Supermarkt. Mit meinem 28iger Fahrrad bin ich schon deutlich höher als der Durchschnittschinese auf seinem 26iger Rad. Und mit unseren drei Kindern sind wir so auffällig viel größer, als alle chinesischen Familien um uns herum, dass wir leicht einen kleinen Volksauflauf verursachen. Drei Kinder, alle unter 115cm Körperhöhe, führen in Shanghai und im ländlichen China erst recht zu Aufsehen und Unverständnis, zu Be- und Verwunderung, selten auch schon mal zu Neid. 

In Shanghai fand ein internationaler Marathon statt. Der ausdrücklichen Einladung der Ausländer folgte unter anderem mein Mann. Die Ziellinie verlief im Stadionbereich und der letzte Kilometer war wie immer gesäumt von Angehörigen und Schaulustigen. Auch wir, zwei Kindergartenkinder, ein Baby und eine Mutter, machten uns auf den Weg zum Ziel. Den letzten Kilometer durfte uns das Taxi nicht mehr bringen, also Baby ins Tragetuch, an jede Hand ein Kind und losmarschiert. Im Rücken der Schaulustigen wollten wir zur Ziellinie laufen. Was dann passierte, war typisch und ist für uns schon Alltag geworden: Wie die Dominosteine drehten sich die Schaulustigen um und starten uns an. Einige hoben den Daumen und riefen „hen hao!“ (Sehr gut!).  Andere zählten fassungslos „yi – er – san?“ (Eins zwei drei?). Wieder andere fragen „shuangbaotai?“ (Zwillinge?), was angesichts des fast 2jährigen Altersabstands meiner großen Töchter absurd klingt, für Großstadtchinesen aber eine mögliche Erklärung für den Kinderreichtum wäre. Stramm marschierten wir weiter, denn wir wissen schon, was passiert, wenn wir auf Fragen eingehen: Fotos sollen mit meinen Kinder gemacht werden, - und das wollen sie nie!  

Wie neulich auf dem Volksplatz, der gerne zum Drachensteigen benutzt wird. Mit zwei Kinderwägen und drei Kindern war schnell alle Konzentration vom Himmel auf die Erde umgelenkt. Und meine Kinder, die eigentlich zukucken wollten, standen wieder im Mittelpunkt. Die Chinesen um uns herum zückten die Kameras und zählten voller Bewunderung „yi – er – san?!“ 

Nach solchen für sie oft strapaziösen Ausflügen in die chinesische Öffentlichkeit genießen meine Kinder immer wieder die Ruhe in den internationalen Einrichtungen. Hier fällt keiner auf, denn alle Sprachen, Haarfarben und internationalen Biografien kommen vor. Wie man z. B. an einem Gruppenfoto des Deutschen Kindergartens hier sehen kann, ist diese Einrichtung keine deutsche Enklave, sondern ein buntgemischter Haufen Kinder, die aus aller Herren Länder kommen. Die Kinder bringen sich gegenseitig und auch den LehrerInnen Deutsch, Chinesisch (sowohl Hochsprache als auch Shanghainesisch) und Englisch bei. Ein Kind kann noch Türkisch, ein anderes Finnisch, ein drittes Französisch. Eines muss sich immer dick mit Sonnencreme einschmieren, weil es rothaarig ist, ein anderes kommt auch mit 6 Jahren nicht oben an das Regal dran, weil es Chinese und damit klein ist (wie meine 5jährige Tochter trocken feststellte), und unser niederländisches Nachbarkind läuft auch im Shanghaier Winter (immerhin bis 0 Grad) barfuß herum, denn seit ihren drei Wintern in Moskau findet sie es nirgendwo mehr kalt.  

So leben wir ständig in zwei Welten, in unserem chinesischen Gastland und in der internationalen Gemeinde. Ersteres ist sehr fremd, darauf waren wir eingestellt. Zweiteres ist wohl einen natürliche Folge des menschlichen „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Die internationale Gemeinde ist weltoffen und sehr unbeständig, und damit auch voller kleiner und großer interkultureller Missverständnisse. 

Aber zurück zu unserem Gastland: Die chinesischen Reaktionen auf unsere „Großfamilie“ ist eine klare Folge der Ein-Kind-Familien. Seit Ende der 1970er-Jahre gilt die so genannte Ein-Kind-Politik, ein rigides Geburtenprogramm gegen den zuvor enormen Bevölkerungszuwachs. Heute beträgt der jährliche Bevölkerungszuwachs nur rund ein Prozent, immerhin noch täglich 35 600 Chinesen mehr auf der Welt (Zahl von 2002). In den Großstädten hat sich die Ein-Kind-Familie durchgesetzt. Die Zuwachsrate in Shanghai ist unter 0,5% gesunken, den Grundschulen gehen die Kinder langsam aus. Auf ein neugeborenes Kind kommen zwei Eltern und vier Großeltern, - mit allen ihren Erwartungen und Hoffnungen. Das bringt wieder neue Probleme mit sich, kleine und große. 
Die typische Shanghaier Familie, die wir sonntags im Park treffen, besteht aus mindestens vier Erwachsenen und einem Kind. Meistens trägt die Großmutter das Kind (bis zum Alter von ca. 6 Jahren). Der Großvater trägt die Flaschen, Kekse und andere Lebensmittel, die immerzu in den kleinen Kindermund geschoben werden. Der Vater trägt Sonnen- oder Regenschirm, Zeitungen für das mögliche Picknick und Geld, und die Mutter organisiert die drei Erwachsenen um das Kind herum. 

Ich habe mich nach 1,5 Jahren in Shanghai und der Geburt unserer dritten Tochter soweit an China angepasst, dass ich, wenn mein Mann mal wieder abwesend ist, zumindest auf größere Ausflüge unsere Ayi, unsere Haushaltshilfe, mitnehme. Dann kommen immerhin zwei Erwachsene auf drei Kinder, was uns die Ausflüge deutlich leichter, weil entspannter macht. Dass ein Erwachsener mehr mir schon reicht, können viele Chinesen wieder nicht fassen. In ihrer Rechnung macht ein Kind viele Probleme, zwei Kinder doppelt so viele und drei eben dreimal so viele, etc. In meiner Rechnung, macht ein Kind viele Probleme, zwei Kinder schon weniger und ab drei Kindern werden sie eine Gruppe, und damit setzt eine angenehme Gruppendynamik ein. So lade ich mir z.B. zum Keksebacken auch immer noch ein paar FreundInnen der Kinder ein, dann geht es einfacher, - finde ich. Unsere Ayi betreut in solcher Zeit das Baby und lernt viel über Kindererziehung, wie sie mir immer wieder bestätigt.
Sie freut sich über diese Lernstunden, denn sie bereitet sich schon innerlich auf ihre Großmutteraufgaben vor. Ihr Sohn kommt langsam in das heiratsfähige Alter, auch wenn er noch keine Freundin hat. So wie sie ihn damals bei ihrer Mutter und in der Krippe abgegeben hat, so erwartet sie, dass sie dann ihren Enkel aufziehen kann. (Leider hofft das sicher auch die andere potentielle Großmutter, - aber das ist ein anderes Problem.)

Sie hat Schwangerschaft und (Haus-) Geburt unserer jüngsten hier in Shanghai unmittelbar erlebt und war immer wieder fassungslos, wie unaufgeregt und entspannt dieses Ereignis stattfinden kann. Sie erwartete nach der Geburt ein schreiendes Baby, dass stundenlang herumgetragen werden muss – und sah darin schon eine angenehme Aufgabe für sich. Dass ein Neugeborenes einfach schläft und das fast überall, und nur zum Stillen wach wurde, hatte sie noch nie gehört, geschweige denn erlebt. Wenn vier Großeltern und zwei Eltern sich um ein Kind bemühen und sorgen, kann Baby natürlich auch Probleme machen, gab ich zurück. Inzwischen ist unsere Elise kein Neugeborenes mehr. Sie spielt vergnügt mit allem, was sie sich in den Mund stecken kann, und redet stundenlang „Rabarbar“. Das ist wunderbar, vor allem, seit unsere Ayi gelernt hat, sie nicht im Spiel zu unterbrechen und einfach auf den Arm zu nehmen. Elise (immerhin schon 4. Monate halt) kann sich vorübergehend allein beschäftigen. Auch das war eine neue Erfahrung für unseren guten Hausgeist aus China. 

Demnächst bekommen wir Besuch aus Deutschland mit zwei weiteren blonden Kindern. Dann werden wir sicher wieder zu dem einen oder anderen öffentlichen oder touristischen Ereignis aufbrechen, und dann erst recht die Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Dann heißt es „yi –er – san – si – wu ge nühai?“ Mal sehen wie oft wir dann erklären müssen, wer wessen Schwester ist und dass wirklich kein Junge dabei ist.

Anne Richter


Hier können Sie uns Ihre Kommentare zur Story zusenden:


(hier klicken)

 

Copyright © 2003  IFIM GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Stand: 28. Juni 2010