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Christel:

Tagebuch - Notizen aus Indien (2)

20.11.2000
Christel Emsmann, Bangalore

Ich werde jetzt einen Versuch machen, meine Erfahrungen und Eindrücke in Indien zusammenzufassen. 

Bevor mein Mann mit dem Angebot kam, nach Indien zu gehen, hatte ich nicht im Traum daran gedacht, einmal in dieses Land zu gehen. Es hatte mich nie gereizt. Nach der Entscheidung ging es dann los. Wir hatten eine lange Vorlaufzeit, so dass wir uns einlesen und diverse Vorbereitungsseminare besuchen konnten. Beim Studium der Fernsehzeitung gab es auch jede Menge Sendungen über Indien. Irgendwann kam dann der Punkt, dass ich dachte: "Genug vorbereitet, jetzt muss es endlich losgehen!" Da wir im Seminar erfahren hatten, dass viele mit einer gewissen Euphorie losziehen, wollte ich eine eher vorsichtige Einstellung angehen. Mal sehen, was mich erwartet.

Die ersten zehn Wochen durften wir im Hotel wohnen und ich konnte den Einstieg in das indische Leben in Etappen meistern. Beobachten, wie die Menschen, der Verkehr, das Einkaufen zu handhaben sind. Nach dieser Zeit kamen dann die Erfahrungen mit dem Umgang mit Angestellten dazu. Viele Dinge aus den Seminaren tauchten auf einmal im Alltag auf und waren dadurch leichter zu meistern.

Die Eindrücke in einem so unterschiedlichen Land lässt auch die "Fremdarbeiter" auf die unterschiedlichste Weise reagieren. Es ist sehr schwierig am Anfang, z.B. den richtigen Umgang mit den Hausangestellten zu finden. Man bekommt viele Tips und viele Berichte über negative Erlebnisse. Wir werden natürlich als sehr reich angesehen, was wir aus indischer Sicht ja auch sind. Andererseits können wir nicht die ganzen Systeme durcheinanderbringen, in dem wir der housemaid oder dem Fahrer das gleiche Gehalt bezahlen wie einem Ingenieur. Andererseits muss man lernen sich abzugrenzen und sich nicht als "Melkkuh" ausnutzen zu lassen. Das fördert nicht unbedingt das Ansehen.

Ich wollte mich hier aber nicht total von dieser "unteren" Schicht abgrenzen, sondern ein wenig in die Tiefen des indischen Lebens gehen, auch wenn dies z.T. schmerzliche und enttäuschende Augenblicke brachte. Andererseits lernte ich daraus, dass es für die Ärmeren oft gar nicht möglich ist, z.B. Ersparnisse anzulegen, da täglich unvorgesehene Dinge passieren, die gleich alles wieder auffressen, z.B. Krankheit, Todesfall. Wenn ein Familienmitglied Arbeit bei Ausländern hat, kommt oft die ganze Familie an und fragt immer wieder um Geld, anstatt selber Arbeit zu suchen. Sich dann von der aussaugenden Familie abzugrenzen ist meist nicht möglich. Ausbildung zu bekommen, scheitert auch meist am Geldmangel und zu vielen Kindern. Meine Einstellung zum Leben in Deutschland wird sich nach unserem Aufenthalt in Indien sicherlich verändert haben.

Die Beziehung zum Ehe- oder Lebenspartner wird auch auf die Probe gestellt, da man von Freunden und vielen Ablenkungen getrennt ist und man z.T. ganz unterschiedliche Tagesabläufe hat. Der Mann hat Probleme mit der Hierarchie im Büro und steht zwischen den Erwartungen aus Deutschland und den Unmöglichkeiten des Landes. Dies ist ein großer Druck. Der neu eingestellte Mitarbeiter kommt an seinem ersten Arbeitstag am 1. des Monats nicht zur Arbeit, weil es ein Dienstag ist und dies ein schlechtes Omen wäre! Der nächste Mitarbeiter kommt nicht, da die Tochter zum Arzt muss und dann geht eben die ganze Familie, bzw. will oder darf die Frau nicht alleine gehen.

Die 5 ½-Tage Woche trägt auch nicht grade zu einem entspannten Wochenende bei. Durch die Verkehrssituation (schlechte Strassen, nachts unbeleuchtet, mit Kühen, Kamikaze-Busfahrer) ist das Reisen beschwerlich. Man ist also gezwungen, das positive Denken zu lernen und humorvoll zu bleiben, wenn man am Ende nicht nur noch die Abreise herbeisehnen will.

Ich genieße es hier, das ganze Jahr in T-Shirt und Sandalen gekleidet zu sein, ab und zu auch in indischer Kleidung. Die Frauen sind meist schön geschmückt mit Gold, was eigentlich unserem Sparbuch gleichzusetzen ist. Er wird beim Pfandleiher versetzt, wenn es mal eng wird und nicht immer wieder ausgelöst. Ich versuche, Hindi zu lernen und einzelne Brocken der anderen Sprachen aufzuschnappen, da dies ungemein die "Beziehungsebene" fördert. Ich akzeptiere auch die diversen Bräuche und natürlich haben wir dieses Jahr am Dassara-Fest eine Pooja (Segnung) für unser Auto machen lassen, damit uns auf unseren Reisen nach Möglichkeit nichts zustoßen soll. Das Essen in einfachen "Hotels" macht auch immer wieder Spaß. Endlich mal im Essen mantschen, was uns als Kinder verboten wurde.

Dann das Toilettenritual: es gibt unterwegs ja nirgends Klopapier und man lernt mit der Zeit, wie die Inder dies handhaben. Laut deutschen Ärzten ist dies eigentlich eine viel hygienischere und für die Haut bessere Methode als unser Klopapier. Wer würde sich die schmutzigen Finger nur an einer Serviette abwischen, wenn er die Möglichkeit zum Händewaschen hat. Da wurde uns der Ekel eben auch von Kindheit an anerzogen. Andererseits schrubben sich die meisten Inder morgens oft zweimal hintereinander von Kopf bis Fuß mit viel Seife gründlich ab (was auch nicht immer nötig wäre und die Haut nur auslaugt). Die meisten Inder sind wahrscheinlich reinlicher als manche Deutsche, wenn sie die Gelegenheit haben, an Wasser zu kommen.

Die Gelegenheiten, aus Bangalore rauszukommen, genieße ich dann, um sattgrüne Reisfelder, Strände mit Palmen, Elefanten und Handwerker am Straßenrand zu entdecken, z.B. Seilmacher oder Leute, die Steinmörser herstellen. Dann hoffen wir immer auf frische Luft und ruhige Nächte ohne das Gebell von Straßenhunden oder lauter Tempelmusik. Und die meisten Menschen strahlen eine große Freundlichkeit aus und sind natürlich alle ziemlich neugierig. Dies und einige andere Verhaltensweisen haben dann dazu geführt, daß der Satz aufkam: "Inder sind wie Kinder, es fehlt nur das "K" davor". Dies sollte aber nicht negativ gemeint sein, sondern zeigen, dass wir viel von unserer Kindlichkeit verloren haben. Inder können sich noch vielmehr über Kleinigkeiten freuen und lachen deswegen öfters, als wir es in Deutschland erleben. Und an diesen strahlenden Gesichtern kann ich mich immer wieder erfreuen.

Um den Kontakt zu Deutschland zu halten, hatte ich ziemlich schnell gelernt, wie man emailt und um stundenlange Gespräche über das Erlebte bei einem Deutschlandbesuch zu ersparen, bekommen jetzt viele Freunde und Verwandte regelmäßig tagebuchartige Berichte, die inzwischen schon auf 40 Stück angewachsen sind. Auch für mich bedeutet dies natürlich, immer ein Nachschlagwerk für die letzten 1 ½ Jahre zu haben. Aus diesem "Werk" hatte ich Ihnen ja einen kleinen Auszug geschickt.

Damit will ich jetzt enden. Ich möchte mich hiermit für Ihr Vorbereitungsseminar bedanken. Vielleicht hat Sie mein Bericht interessiert und ich würde mich auch über eine Antwort freuen.

Mit freundlichen Grüssen

C. Emsmann

Christel

 


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Stand: 28. Juni 2010