Das Expat - Storyboard:

Peter Franke

Grüsse aus dem warm-schwülen Hongkong 

24. Juli 2002

Liebe Leute,

 
Ich bin in der 3 teuersten Stadt der Welt (nach Tokio und Osaka) gelandet, arbeite im Büro im 13. Stock eines Gebäudes, wo früher Produktionsstätten der berühmt berüchtigten Bekleidungsindustrie Hongkongs waren. Die Produktion ist jetzt völlig nach Südchina verlagert worden, von wo aus nun der Weltmarkt mit billigen T-Shirts usw. versorgt wird. 

Auf mich wirkt der urbane Teile Hongkongs wie eine Vision des entwickelten Kapitalismus, die ich bisher so in Westeuropa noch nicht erlebt habe. Faszinierend und erschreckend zugleich, eine der Metropolen des Kapitalismus in Asien. Auf engsten Raum gepfercht kaum Häuser mit weniger als 10 Stockwerken viele bis zu 50, einschließlich und vor allem auch vielen kleinen Wohnungen, wie 20 bis 30 Streichholzschachteln aufeinander gestapelt. Gut geregelter aber massiver Autoverkehr, eine hochmodernes U-Bahnnetz mit Zügen im 3 Minuten Takt, ein Dschungel von Gängen, Tunnels und Brücken die Einkaufszentren und Büros miteinander verbinden, klimatisiert und Konsum gerecht aufgemacht. Sauber, ordentlich, sicher doch auch ziemlich anonym, wenn auch nicht unfreundlich. 

Die Hongkonger Gesellschaft besteht zum größten Teil aus Flüchtlingen die in den Jahren nach dem Krieg aus den verschiedensten Teilen Chinas aus den verschiedensten Gründen hierher gekommen sind. Ich kann mich auch noch gut an die Flüchtlingslager und Squatter an den Hängen erinnern, als ich 1966 zum ersten mal mit meinen Eltern zu Besuch hier war. Das macht sie eher heterogener als homogen und fördert eine Distanz und Unverbindlichkeit untereinander, wie mir eine Sozialwissenschaftlerin erklärte. Das sei ganz anders im 'eigentlichen' China. Dafür wird der Pragmatismus der Menschen in Hongkong immer wieder hervorgehoben, wohl auch eine Konsequenz einer Flüchtlingsgesellschaft. 

Als Gegengewicht zu urbanen Lebensweise habe ich mich auf einer Hongkong vor gelagerten Insel Lamma niederlassen können. Ich konnte die ersten Wochen bei einer guten Bekannten auf Lamma wohnen, 20-35 Minuten Fährfahrt vom Zentrum Hongkongs entfernt, keine Autos, lediglich einige so kleine schmalspurige Fahrzeuge zum Transport von Gütern, 3 geschossige Bauweise, etwas chaotisch einander zugeordnete Gebäude, viel tropisches Grün (mit Vögeln, Grillen, Schmetterlingen, Geckos, Kakerlaken, Mücken), Wanderwegen und Badestrand, modernes Kohle-Grosskraftwerk (erinnert mich an das STEAG Kraftwerk in Herne am Kanal, ist allerdings mit 3 Schloten noch größer), kleinstädtisch-dörflich mit vielen kleinen Läden, in den man so ziemlich alles zum täglichen Leben bekommt.  

Von den insgesamt etwa 8.000 Bewohnern stammt gut die Hälfte nicht ursprünglich aus HK sondern aus anderen asiatischen Ländern sowie aus Europa, USA, Australien, Neuseeland und sogar einigen aus Afrika. Alles Expats, aber solche, die über weniger Geld verfügen und einen anderen Lebensstil leben wollen, unkomplizierter, offener, weniger formell und nicht so perfekt. Lamma gilt als billig und wird wohl als Ort für Bohemes gesehen. Allerdings gibt es hier kaum Wohnungen, die grösser als 65 qm sind, die Zimmer sind häufig nicht größer als 6qm.  

Am Wochenende kommen dann Hongkonger zum Bade- und Wanderausflug nach Lamma. Dann wird es etwas voll. Durch meine Bekannte, habe ich dort aber auch sonst in Hongkong schnell schon viele Leute kennenlernen können, viel aus anderen Ländern Asiens, einigen aus Europa und natürlich auch einigen aus Hongkong. Das war sehr hilfreich, interessant und beruhigend. Letzteres weil im sozialen Miteinander ein ähnliches Verständnis vorhanden ist, Offenheit und Hilfsbereitschaft u.a. wohl auch, denke ich, weil viele auch Migranten auf Zeit sind.

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Peter Franke arbeitete in Hongkong als  "Asia Europe Issue Interperter" für Asian Regional Exchange for New Alternatives - ARENA - 


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Stand: 25. Februar 2015