Das Expat - Storyboard:

Grit Schweitzer:

In China zu leben ist wie Trabi - Fahren... -
Unser Leben in China

09.01.2004

 

Kaum zu glauben – nun leben wir mittlerweile schon wieder über ein Jahr in China?!?
Da gehört man hier schon zu den „Insidern“, kann mitreden, seine Erfahrungen mitteilen. Das will ich hiermit tun...

 Anfang August 2002 starteten wir zu unserem vorerst zweijährigen China-Aufenthalt. Mein Mann arbeitet bei EPCOS und soll für seine Firma hier eine Zweigstelle aufbauen. Wir wohnen in Suzhou, etwa 100 km westlich von Shanghai ins Landesinnere rein, in einem bewachten Wohnpark mit vielen anderen Ausländern, in einem netten Häuschen und können uns China so 'dosieren' wie wir wollen. Mein Mann muss noch mal 50 km weiter nach Wuxi auf Arbeit, unser Sohn (knapp 17) fährt jeden Tag an die Deutsche Schule nach Shanghai. Aber er ist ein großer Kerl und hat jahrelange "Fahr-Erfahrungen" als Waldorfschüler hinter sich. Hier vor Ort gibt es zwar auch eine Internationale Schule, aber deren Abschluss ist in Deutschland nicht so anerkannt, und da Paul jetzt die 10. Klasse besucht, ist das schon wichtig. Er spielt Schlagzeug in der Schulband, mit der er auch schon einige öffentliche Auftritte hatte, u.a. zu den Konsulatsfeierlichkeiten zum Elysee-Vertrag. Charlotte (wurde im November 4) geht hier in den Internationalen Kindergarten, spricht fließend Englisch und Chinesisch und musste uns schon so manches Mal dolmetschen - sie spricht besser Chinesisch als wir alle zusammen...

Ich bekomme hier keine Arbeitserlaubnis. Das ist, wie wenn die Inder mit der Greencard nach Deutschland kommen und ihre Frauen mitbringen. Ich war ja auch noch im Erziehungsurlaub, als wir nach hier gestartet sind - diesen habe ich noch mal um 3 Jahre (unsere wahrscheinliche Aufenthaltsdauer hier) verlängert.

Eigentlich habe ich hier auch so genug zu tun - das ganze Leben ist halt anders organisiert, und man hat so einige „Verpflichtungen“. Ich kümmere mich hier um "Haus, Hof und Kinder". Trotz einer Haushalthilfe, die hier üblich ist (man gewöhnt sich leider viel zu schnell daran!!), fällt noch so einiges an. Schon allein das Einkaufen ist nicht vergleichbar mit Deutschland - es gibt zwar seit einem Jahr auch einen französisch geführten Supermarkt 'gleich um die Ecke', in dem es auch ein paar Importartikel gibt, aber so eine 5-Mio-Stadt ist halt schon ein bisschen größer... Und ohne eigenes Auto ist man auch nicht ganz so flexibel. Eier, Obst, Gemüse und Blumen hole ich per Fahrrad vom Markt in einem benachbarten chinesischen Wohnpark.
Importartikel sind relativ teuer, dafür ist's auf dem Markt spottbillig - und verhungern müssen wir hier nicht. Dank eines Back-Automats, den wir von Nachbarn abgekauft haben (wir durften keine Elektro-Geräte mitbringen!), backen wir unser Brot z.T. selber.  Inzwischen versucht sich mein Mann auch mit der Käseherstellung, und mit ein paar Freunden wollen die Männer in Zukunft auch eigene Wurst probieren(!). Es gibt auch einen Bäcker, der 'dunkles' Brot anbietet, etwa 2 km weiter, aber das hat halt eine andere Qualität als gewohnt. Ähnlich wie die Wurst, die man in Shanghai bestellen kann, und die immer mittwochs geliefert wird. Man schraubt seine Ansprüche nach unten - und erweitert seinen Horizont... Und wenn man Glück hat, kommt mal ein Kollege aus Deutschland, der vorab eine Runde durch den ALDI geschickt wird - ALDI-Sachen schmecken sooooooo gut!!! In Wuxi, wo mein Mann arbeitet, gibt es sogar einen OBI, und in Shanghai einen neuen IKEA. Dort kann man glatt vergessen, dass man in China ist - wie zu Hause!!

Wir können uns also nicht beklagen. Und es wird immer besser. Allerdings: Vor 10 Jahren hätte ich noch nicht hier wohnen wollen...

Zweimal pro Woche habe ich vormittags Chinesisch-Unterricht, und jeden Donnerstag findet ein Lady-Lunch statt, wo sich die ausländischen Frauen treffen und Erfahrungen austauschen können. Nachmittags habe ich Charlotte, und jeden Dienstag- und Donnerstagabend gebe ich in der Schwimmhalle unseres Clubhauses Aqua-Gymnastik und -jogging. Zudem trifft man sich hier viel öfter mit Freunden - Kontakt halten ist wichtig. Trifft man sich in Deutschland vielleicht ein/zweimal im Monat zum Essen, passiert das hier gleich zwei/dreimal pro Woche (meist Kaffee oder Abendessen).
Und da wir nun hier so viele deutsche Frauen im ziemlich gleichen Alter sind, gehen wir einmal in der Woche zusammen zur Fußmassage – endlich mal Zeit, um in Ruhe schnattern zu können... Nachteil dabei: Das macht süchtig!!!
Es gibt die EAS (Expat Association Suzhou), eine Vereinigung für die Ausländer in Suzhou, welche diverse Aktionen, so auch den alldonnerstäglichen Lady Lunch, Sprachkurse, einen monatlichen Ausflug/Besichtigung, Festivitäten u.s.w. organisiert. Ein monatlich erscheinendes EAS-Blatt, der „Suzhou Sujourner“, informiert über alle wichtigen Ereignisse, neue Mitglieder, Reiseerlebnisse, Verkäufe, Gesuche... Von der EAS gibt es auch einen Taxi-Ring in Englisch und Chinesisch, der vor allem Neuankömmlingen einiges erleichtert... 

Wie jede Sache auf der Welt hat auch das Leben in China seine Vor- und Nachteile.

Beginnend mit den Nachteilen:

Zuerst einmal die grosse Entfernung bzw. teilweise lange Trennung  zu Familien und Freunden, was aber Dank moderner Technik ganz gut zu ertragen ist. Klaro – wie schon erwähnt - das Einkaufen – es gibt halt in China andere Waren als in Deutschland, und Importprodukte sind teuer. Auch der Modegeschmack ist „etwas“ unterschiedlich... und sollte man Schuhgröße 39 oder darüber haben, so hat man in der Provinz ein Problem. In Shanghai gibt es (fast) alles, aber wer kommt schon jeden Tag nach Shanghai?!? Bei Kosmetika gibt es zwar viele europäische Marken (FA, Dove, Lux...), aber wohl in chinesischer Ausführung. Ich habe guten Willen gezeigt und einiges probiert – das Duschgel war zu scharf und brannte auf der Haut, und vom Schaumfestiger habe ich Schuppen bekommen... Apropos „Schuppen“ – Frisörläden erkennt man an den Drehsäulen davor. Sie sind relativ billig und wegen der inclusiven Kopfmassage vor dem Frisieren gern besucht – nur mit dem Resultat muss man sich manchmal erst anfreunden... 

Ein nicht unwichtiges Problem ist die medizinische Versorgung. In Shanghai gibt es einige Ausländer-Kliniken mit hohem Komfort, in der Provinz und im Notfall sieht es schon anders aus. Wir haben einen Hausarzt, den wir normalerweise per Handy anfordern können, aber der war z.B. über Chinese New Year einfach mal tagelang unauffindbar... Einen singapurianischen Arzt gibt es am anderen Ende der Stadt, dessen „medizinisches Zentrum“ nicht größer als unser Wohnzimmer ist... Man sollte hier also lieber gar nicht erst krank werden – und ernsthaft schon gar nicht... Und erst recht keinen Notfall haben(!) – die hiesigen Krankenwagen dürfen sich dem „normalen“ Verkehr unterordnen, an dem so gar nix „normal ist... Der kann schon manchmal ganz schön belastend sein...

Ich sage immer „Feng-Shui-Verkehr“ – alles im Fliessen - dass mal ja keiner eine Sekunde stehen bleibt! – lieber ein Hindernis umfahren! Verkehrsregel Nr. 1: Erst hupen, dann bremsen (in China könnte eher ein Blinder Auto fahren als ein Gehörloser...)! Verkehrsregel Nr. 2: Das größere Vehikel hat Vorfahrt – egal, was da kommen sollte... Gleich danach die extreme Umweltverschmutzung – mit Umweltschutz haben es die Chinesen nicht so... Nur Beispiel Luftverschmutzung: Ich hatte eine neue Seidenbluse, die nach dem ersten Tragen nicht schmutzig, sondern nur verräuchert war. Ich hängte sie über Nacht zum Entmuffeln hinters Haus – am nächsten Morgen war sie schwarz... 

Dann die Menschen ohne Ende!! Klaro ist es das (momentan) größte Volk auf unserem Planeten, aber müssen die denn immer alle grad dort sein, wo wir auch sind?!? Und dann noch einen so anstarren?!? Oder mit den Fingern auf einen zeigen. Oder – im schlimmsten Fall – einem im Einkaufwagen rumwühlen und sich lautstark wundern, was die „Langnasen“ so alles eingekauft haben?!? Und an noch eines wird’ ich mich nie gewöhnen – nie in meinem Leben – das lautstarke Rotz-Hochziehen(...) und noch lautstärkere Ausrotzen desgleichen!!! Und dann darüber aufregen, wenn wir uns mal die Nase putzen?!?

Bereit für die Vorteile?

Auf alle Fälle ist so ein China-Aufenthalt – wie wohl jeder Auslandsaufenthalt – die beste Möglichkeit, mindestens eine Fremdsprache zu erlernen bzw. aufzubessern (in unserem Fall eben Englisch und Chinesisch). Zudem kann man eine völlig andere Kultur und Lebensweise kennen lernen und seinen (menschlichen) Horizont enorm zu erweitern – Lebensschule vom Feinsten. Man lernt neue Leute und Freunde kennen und hat die Möglichkeit, bereits bestehende Freundschaften auf den Prüfstand zu stellen... („Ballast abwerfen“, nennen wir das – kann manchmal ganz schön befreien...). Und dann gibt es die bunten, relativ preisgünstigen und interessanten Märkte, den Schneider, der (fast) nichts unmöglich macht, die Fußmassage, die Haushaltshilfe... 

 Was ich Neu-Ankömmlingen empfehlen würde?

 Auf alle Fälle das IFIM - Vorbereitungsseminar besuchen! Das hat mir/uns echt geholfen, und ich denke sehr oft und sehr gern an unsere vor allem auch praktischen Übungen zurück... Dort bereitete man uns seelisch und moralisch auf alle Höhen und auch Tiefen, die uns erwarten würden, vor. Wir erfuhren – Dank der Praxisübungen - am eigenen Leib, dass die Chinesen wirklich anders „ticken“. Wir gewannen einen kleinen Einblick in den „ganz normalen Wahnsinn“ hier, und man vergaß auch nicht zu erwähnen, dass man z.B. nach 5 Jahren im Ausland vielen als „nichtwiedereingliederungsfähig in die deutsche Gesellschaft“ gilt... (So was muss man erst mal wissen!!)  

Weiterhin würde ich einen Sprachkurs Chinesisch empfehlen. Wir bekamen den 3-wöchigen Kurs in Bochum  zeitlich nicht mehr auf die Reihe, so dass wir wenigstens einen 9-tägigen Chinesisch-Crash-Kurs bei SIEMENS in München besuchten – Kopf auf, Chinesisch rein, Kopf zu, Sortieren später... Man hat zwar die allergröbsten „Grobheiten“ der chinesischen Sprache mitbekommen, aber viel ist nicht hängen geblieben. Als ich nach 3 Wochen in China, nachdem der chinesische Wortschatz meiner nicht mal 3-jährigen Tochter schon besser war als meiner, meinen ersten Satz auf Chinesisch probierte, sah mich die Angesprochene nur mitleidig an und meinte, sie verstehe leider kein Englisch...  

Die obligatorische Info-Tour ist unumgänglich, und auf alle Fälle das Buch „Kulturschock China“ lesen! Nach all dem kann einen eigentlich fast nichts mehr schocken... (Und wenn man danach immer noch nach China will...)  Vorab: Augen auf bei der Wahl der Speditions-Firma – soweit man die Qual der Wahl hat... – es gibt da ganz ganz große Unterschiede(!)... Und von wegen, man dürfe keine Elektro-Geräte mitnehmen! Ja nicht so was erzählen lassen!! Außer Harrys Rasierer und meinem Fön, die wir im Reisegepäck „schmuggelten“,  mussten wir hier alles neu kaufen. Glücklicherweise wollten unsere Nachbarn ihren Back-Automaten los werden... Wie bereits oben erwähnt, ausreichend mit Kosmetika eindecken – auch Haarfärbe- oder Strähnchenmittel nicht vergessen (unbezahlbar hier)! Für Ausreisende mit Kleinkindern: Genügend Windeln mitbringen – Pampers fallen in die Rubrik „Kosmetika“...

Mittlerweile gibt es auch in China Milch und Milchprodukte und auch Müsli und alles mögliche „Essbare“. Aber: Importware hat halt ihren Preis... Was nicht schaden kann, mitzunehmen, sind: (Brot-) Backmischungen, Backzutaten (Trockenhefe und Backpulver), Gries, Puddingpulver, Maggi-Fix für Soßen oder Gratins, Chili con Carne u.s.w., Tütensuppen, Kräuter (die auch gut als Sämereien), Kräutertees (vor allem Pfefferminz), Glühwein-Gewürz(!) (das macht den pupstrockenen chinesischen Rotwein trinkbar...)... Schokolade – auch „Marken“-Schokolade – kann man kaufen – ist aber ähnlich wie mit den Kosmetika – der name stimmt, aber die „Zusammensetzung“ nicht. Es schmeckt halt anders... Auch „echte deutsche“ HARIBO - Gummibärchen haben ihren Weg nach China gefunden – die Tüte ist für rund 3 EURO zu haben.  

Für (Kinder-) Geburtstage oder Weihnachten eventuell ein paar Kleinigkeiten parat haben – die in Deutschland erwerbbaren Sachen „Made in China“ werden meistens nur für den Export hergestellt...  

Noch was?

Momentan fällt mir erst mal nichts mehr ein, aber unter Schweitzers@web.de beantworte ich gern weitere Fragen.

Auf alle Fälle ist es mit dem Leben in China wie mit dem Trabi-Fahren – wer Trabi fahren kann, kann sicherlich wohl jedes Auto fahren...

Grit Schweitzer


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Stand: 28. Juni 2010