Das Expat - Storyboard:

Heike:

Einleben mit Erdbeben -
Bericht von einem Umzug nach Japan

(1) Michigan / USA, Dezember 2010

 

Heike fand und findet die Zeit, die sie mit ihrem Mann Markus und den Söhnen Jan (13) und Max (10) in Michigan verbracht hat, ausgesprochen schön. Also nichts gegen einen Auslandsaufenthalt!
Als sich im Frühjahr 2010 jedoch abzeichnete, dass Markus nächste berufliche Station nicht wieder in Deutschland, sondern in Japan sein würde, schluckte sie zunächst schon: Japan, das war ihr klar, würde schwieriger werden, schon allein wegen der Sprache. Aber nach der Inforeise war sie sicher: "Es wird bestimmt interessant, in Tokyo zu leben."

Niemand konnte damals ahnen, wie 'interessant' es tatsächlich würde, im Jahr 2011 nach Japan überzusiedeln. …

Heike hat eine wunderbare Gewohnheit: Sie lässt ihre Freunde und Bekannten an ihren Erfahrungen teilhaben, indem sie 'Rundbriefe' schreibt. Da sie an der USA-Ausreisevorbereitung der IFIM teilgenommen hatte, kam ich auch auf den Verteiler, las viele interessante Eindrücke aus den USA und durfte auch die Geschichte ihres ungewöhnlichen Umzugs nach Japan miterleben.

Wir danken Heike herzlich, dass sie uns erlaubt hat, ihre Erfahrungen einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen!

 

Dezember 2010, Brief aus Michigan: Vorbereitungen

Alle Jahre wieder….wir haben schon bald den 2.Advent und es ist an der Zeit, die Weihnachtspost auf den Weg zu bringen. „Anstatt, wie eigentlich vorgesehen nach drei Jahren, Koffer und Kisten zu packen“ … so fing letztes Jahr mein Brief an. Ja, und dieses Jahr ist es nun soweit, wir packen Koffer und Kisten…Aber nicht, um nach Deutschland zurückzukehren, nein, es geht weiter, diese Mal nach  , ihr könnt das nicht lesen? Na, dann könnt Ihr euch wenigstens vorstellen, wie es uns demnächst gehen wir. Das heißt Japan, ja, ihr habt richtig gelesen, und zwar für fünf Jahre. …..

Mitte Mai wurde das, was schon länger in der Schwebe über uns hing, gewiss: Wir bekamen die Aufforderung einen Japanischkurs zu belegen. Da der einzige für uns realisierbare Kurs Anfang Juni in Bochum stattfand, mussten wir in nur drei Wochen zwei japanisch Alphabete lesen und schreiben lernen und so nebenbei noch schauen, wo wir Jan und Max unterbringen, denn die konnten wir nicht zum Kurs mitnehmen. Und damit uns auch ja nicht langweilig wird, hat Jan noch eine Blinddarmentzündung bekommen. Wir waren aber rechtzeitig vor Durchbruch in der Notaufnahme und letztlich hat alles gut geklappt. Dennoch hätten wir eigentlich darauf verzichten können... Die Jungs sind dann drei Wochen bei Freunden an unserem alten 'Heimatort' geblieben, wo sie sogar noch die letzten zwei Wochen zur Schule gehen konnten. Max in 'seine' ehemalige erste Klasse und Jan ist mit Katharina zum Gymnasium gefahren. Während Max sich eigentlich gar nicht groß zur Schule geäußert hat, außer, dass er es schön fand, wieder ein paar alte Freunde zu treffen, hat Jan doch einen kleinen Schulkulturschock bekommen. Er war entsetzt, wie Lehrer mit Schülern und umgekehrt umgehen, dass an der Schule geraucht und getrunken wird, etc.
Markus und ich waren auch entsetzt, aber über unseren Kurs. Der war sowieso schon sehr anspruchsvoll und wir haben täglich 11-12 Stunden nichts Anderes gemacht als Japanisch zu lernen, aber für uns war es besonders schwierig, weil wir bis auf zwei weitere Teilnehmer die einzigen wirklichen Anfänger im Anfängerkurs waren. Ich hätte gerne die Zeit in Deutschland genutzt und ein paar Freunde besucht. Aber dafür hatten wir schlicht weg keine Zeit. …

Ende Oktober bin ich mit Markus nach Japan geflogen, um ein Haus zu suchen. Die Jungs sind hier bei Freunden geblieben. Es ist uns zwar nicht leicht gefallen, sie schon wieder alleine zu lassen, aber ich denke, letzten Endes war es besser so. Der Trip nach Japan war mega anstrengend, nicht nur wegen der Zeitverschiebung (13 Stunden). Wir hatten volles Programm und haben etliche Häuser angesehen. Zum Glück war eins dabei, von dem wir beide gleich dachten, dass es uns gefallen würde und bei dem wir uns vorstellen konnten, dass wir uns dort wohlfühlen werden. Aber es war auch das einzige. Es hat ca. 200 qm Wohnfläche, was ja für deutsche Verhältnisse recht groß ist. Aber es hat keinen Keller, keinen Dachboden und auch keine Garage und damit wenig Stauraum. Wir werden einiges von unseren Sachen in Deutschland einlagern müssen und uns auch von vielen Dingen einfach trennen müssen. Das ist traurig, aber auch nicht so schlecht, weil sich im Laufe der Zeit doch einfach unglaublich viele Sachen ansammeln, die man doch nie wieder so wirklich braucht. Damit bin ich auch schon bei meiner derzeitigen Hauptbeschäftigung: sichten, sortieren und Häufchen machen – Deutschland / Japan / abgeben.

Ansonsten war ich von Japan angenehm überrascht. Es wird bestimmt interessant, in Tokyo zu leben. Jan und Max werden dort auf eine deutsche Schule gehen. Das war für uns auch der ausschlaggebende Grund, nach Japan zu gehen. Die Schule bietet vom Kindergarten bis zum Abitur alles, was man in Deutschland auch machen kann, dreigleisige Sekundarstufe eingeschlossen. Die Klassen dort haben maximal zwanzig Kinder und es sind alles Kinder von Expats, das heißt, die Lehrer sind auf diese besondere Situation eingestellt, jedenfalls eher, als sie es in Deutschland wären. Wir haben uns die Schule angeschaut und sie hat uns gut gefallen. Sie ist neu und modern, hat ein eigenes Hallenbad und einen riesigen Sportplatz. Die Jungs müssen mit dem Schulbus zur Schule fahren. Das dauert ca. 30 Minuten und zur Haltestelle laufen sie 2-3 Minuten. für Markus wird in Japan Vieles anders. Er fährt mit der U-Bahn ca. 45 Minuten zur Arbeit, muss aber zweimal umsteigen. Einen Firmenwagen gibt es nicht, am Firmengebaeude gibt es nur vier Parkplätze! Auch sonst ist der Raum knapp und Markus wird, wie alle anderen auch, mit im Großraumbüro sitzen. Leider wird er auch wohl wieder viel länger arbeiten müssen als hier in USA. Die Arbeitszeiten hier waren ja wirklich mehr als familienfreundlich. Das werden wir bestimmt alle sehr vermissen, aber wir sind dankbar, dass wir die vier Jahre hier hatten. Markus war die letzten drei Wochen zur Einarbeitung schon in Japan. Er ist jetzt gut eine Woche hier und dann fliegt er noch mal nach Deutschland, um am 23. zurückzukommen. Dann können wir hoffentlich noch in Ruhe Weihnachten feiern und am 27. kommt die Spedition um zu packen. Und am 31. werden wir nach Japan fliegen und somit dieses Jahr auf Silvester verzichten müssen, da wir am 1. Januar nachmittags in Japan landen werden. Da wir wieder Mietmöbel bestellt haben, können wir gleich in unser Haus einziehen und dann werden wir uns überraschen lassen, wie alles anläuft. Markus fängt am 6. Januar an zu arbeiten, für die Jungs fängt die Schule am 10. an.

Für Jan und Max scheint der Umzug dieses Mal am schwierigsten zu sein. Beide wollen hier überhaupt nicht weg. Max erster Kommentar zu Japan war: “I'd rather go to jail than to Japan!“ Mittlerweile hat er sich aber irgendwie in sein Schicksal gefügt. Ich hoffe, wir finden für ihn ein Baseballteam, möglichst ein amerikanisches, damit er sein Englisch nicht verliert oder ein japanisches, damit er schnell japanisch lernt. Jan war anfangs zurückhaltender, hat nach positiven Dingen in Japan gesucht, aber jetzt ist er eigentlich nur dagegen. Das macht uns die Sache sehr schwer. Wir können ihn ja gut verstehen, aber es ist eben nicht zu ändern. Auch wenn das gerade schwer möglich ist, versuche ich neben dem ganzen Umzugsstress noch so viel 'Normalität' aufrechtzuerhalten wie möglich. Sprich, wir haben z.B. einen ganz normalen Advent mit Kranz und Kalender und Plätzchen backen etc. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es Jan auch in Japan gefallen wird. Da hilft jetzt nur eins, abwarten und Geduld haben.

Lesen Sie hier weiter:

(2) Januar 2011 Tokyo - Aufbruch und Ankunft


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Stand: 26. Februar 2015