Das Expat - Storyboard:

Heike:

Einleben mit Erdbeben -
Bericht von einem Umzug nach Japan

(3) Toyo -Erste Eindrücke, Februar 2011

 

Hallo zusammen,

wir schreiben den 1. Februar und es ist kaum zu glauben, dass wir nun schon einen Monat hier in Japan sind. Was fällt mir auf? Wir hatten jeden Tag blauen Himmel und Sonnenschein, was das Einleben hier sicherlich sehr erleichtert hat. Aber es ist kalt. Wir haben morgens Temperaturen um die Null Grad, es gibt auch schon mal Nachtfrost. Für hiesige Verhältnisse ist es dieses Jahr wohl extrem kalt. Na ja, wir sind von Michigan ja ganz andere Temperaturen gewöhnt und so genieße ich es, wenn ich mittags bei um die 10 Grad meine Wäsche draußen in die Sonne hängen kann.

Heute war ich zum ersten Mal joggen, obwohl wir gerade mal Null Grad hatten. Ich bin mit Claudia, einer Deutschen, die bei uns ums Eck wohnt und zur gleichen Zeit eingezogen ist wie wir, runter zum Fluss gelaufen. Dann ein Stück flussaufwärts in der Sonne immer den strahlenden Fuji vor Augen. Zurück bin ich dann ganz schön aus der Puste gekommen, weil es doch beachtlich bergauf geht, teilweise über steile Treppen. Ansonsten angenehm zu laufen, durch Wohngebiet, Park und am Fluss und alles direkt von zuhause weg.
Das hört sich alles ganz gut an – ist es auch! Bisher haben wir es hier wirklich gut angetroffen.

In der ersten Woche war Markus noch zu Hause und so konnten wir einige organisatorische Dinge erledigen. Wir haben Konten eröffnet, wobei es dann nicht so einfach war, auch Geld vom Automaten zu bekommen, haben uns angemeldet und haben jetzt unsere japanische ID und haben Handys für alle gekauft. Ich habe gelernt die ersten Rechnungen zu bezahlen....

Für Markus ging der Ernst des Lebens dann am 6. und für die Jungs am 10. Januar los. Markus und ich haben die Jungs am ersten Tag mit dem Bus zur Schule begleitet, was sie anfangs wohl eher peinlich fanden, dann aber abgenickt haben. In der Schule sind sie dann gleich von ihren 'Paten' und anderen Jungs empfangen worden und so waren wir dann schnell abgeschrieben. Ich habe dann noch ein paar organisatorische Dinge erledigt und bin dann mit der U-Bahn nach Hause gefahren. U-Bahn fahren ist eigentlich nicht schwierig und es ist angenehm, dass man mit der Bahn eigentlich überall hinfahren kann. Aber ich war ja bei der Schule. Also ich denke, dass es bisher Jan und Max ganz gut gefällt. Max hat 17 und Jan 11 Mitschüler in der Klasse. Wenn ich das richtig sehe, herrscht in beiden Klassen eher Mädchenüberschuss, was derzeit aber allenfalls Jan zu schätzen weiß. Die beiden verlassen morgens um 7:10 das Haus, laufen drei Minuten zum Busstop und fahren dann knapp 25 Minuten direkt bis zur Schule. Je nachdem, wieviele Stunden sie haben, kommen sie um 15:30 oder um 17 Uhr nach Hause. Auf dem Rückweg hält der Bus fast vor unserer Haustür. Die Jungs essen in der Schule. Während Max das Essen sichtlich geniesst und jeden Tag reichlich isst, ist Jan etwas wählerischer und sparsamer. Alles in allem scheinen sie aber ganz gut versorgt zu werden. Das Essen ist recht abwechslungsreich, es gibt deutsche, japanische und internationale Küche.

Mit dem Einzug ins Haus hat alles gut geklappt. Wir haben ein paar Mietmöbel und das Nötigste für die Küche. Hatten aber gleich schon Internet und Telefon. Am 11. kam dann die Luftfracht und wir haben es genossen, endlich wieder ein eigenes Kissen und eine eigene Bettdecke zu haben. Alle übrigen Dinge kommen dann im Container, hoffentlich trocken, am 15. Februar hier an. Es dauert dann noch ca. eine Woche, bis der Container abgefertigt ist und dann werden die Sachen in Teillieferungen zu uns gebracht. Unsere Straße ist nämlich so schmal, dass dort kein Truck mit Container parken könnte. Trotz aller Vorwarnungen wusste die Spedition natürlich wieder nicht, was wir an Möbeln mitbringen und so ist die Dame fast kollabiert, als wir ihr Fotos von den Schränken und Betten geschickt haben. Aber sie hat ja noch etwas Zeit, alles zu organisieren. Wir haben ihr auch gesagt, dass es sinnvoll wäre, erst die Möbel zu bringen, sie aufzubauen und dann erst die ganzen Kartons. Mal sehen, ob das klappt. Ist ja Gott sei Dank noch etwa Zeit bis dahin, ich darf auch noch gar nicht daran denken....

Markus geht es in der Arbeit soweit so gut. Das lange U-Bahnfahren (50 Minuten einen Strecke) empfindet er als gar nicht so schlecht. Das ist Zeit, in der er sich auf den Tag vorbereiten kann oder auch den Tag verarbeiten kann, in der er Musik hören, lesen oder auch japanische Vokabeln (er ist immer viel disziplinierter als ich!) lernen kann. Natürlich sind viele Dinge neu für ihn und er muss sich erst mal in die japanische Arbeitskultur einfinden. Er hat einen sehr netten, älteren japanischen Kollegen. Ich denke, die beiden kommen gut miteinander aus und Markus bekommt viele nützliche Tipps von ihm. Er erzählt jedenfalls immer viel und ganz positiv von ihm. Markus geht mit den Jungs morgens aus dem Haus und er ist meistens um 8 zu Hause. Das ist zwar spät, aber dann können wir noch zusammen essen und Markus sieht Jan und Max wenigstens noch etwas am Abend.

Mir geht es auch gut. Noch ist nicht alles in eingefahrenen Bahnen. Dennoch habe ich viel weniger Zeit, als ich eigentlich erwartet hätte. Die erste Zeit war das Einkaufen zeitintensiv, weil man ja so gar keinen Schimmer hat, was es da im Supermarkt so alles zu kaufen gibt. Ich war dann mal mit Yuka einkaufen. Sie hat mir einen Crashkurs in japanischen Gewürzen, Gemüse und Reis gegeben. Ich hatte mir ja ein japanisches Kochbuch gekauft und jetzt koche ich japanisch. Aber es wird bestimmt noch ziemlich lange dauern, bis ich mich auch nur so halbwegs  auskenne. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass es so schwierig ist, Reis zu kochen und zwar so, dass man ihn auch als solchen erkennen und essen kann. Aber auch das habe ich mittlerweile gelernt und gestern war ich mit Yuka einen Reiskocher kaufen, das ist noch viel einfacher, wenn einem jemand die japanische Anleitung erklärt hat!!

Backen ist für mich auch die Katastrophe schlechthin. Ich habe einen Gasbackofen, der nicht anzeigt, wann er die gewünschte Temperatur erreicht hat. Dann ist entweder das Mehl, die Hefe oder einfach die Luftfeuchtigkeit hier so anders, dass mir meine ersten Hefeteige schlichtweg misslungen sind. Den ersten Hefezopf musste man mit der Kreissäge schneiden, der war einfach nur ekelig!!!
Aber mittlerweile habe ich sogar schon etwas Essbares zustande gebracht. Ich bin hier aber mit der Backerei nicht ganz so unter Zugzwang, da es hier an jeder Ecke die leckersten Bäckereien gibt. Es gibt auch deutsches Brot und das ist auch wirklich so gut wie in D. Und die ganzen süßen Sachen sind wenigstens so gut wie in D. So viel kann ich gar nicht laufen, um all die süßen Stückchen abzutrainieren.

Aber ich laufe ja auch sonst recht viel. Es ist schön, dass man mal eben zum einkaufen gehen kann. Natürlich werden wir auch irgendwann ein Auto bekommen. Haben uns letztes Wochenende schon mal bei einem Händler umgeschaut. Das war ganz witzig, weil das zwar ein großer Händler war, aber keiner dort auch nur ein Wort Englisch gesprochen hat. Am Schwierigsten war es klarzumachen, dass wir ein Nichtraucherauto haben wollen, hier raucht nämlich jeder und überall. Jetzt haben wir eine Idee, was für ein Auto wir wollen und was es kosten wird. Bin dann mal gespannt, wie das Fahren wird. Ich laufe ja manchmal noch auf der falschen Seite (merkt man schnell, gegen den Strom 'schwimmt' es sich schlecht), wie soll es dann erst mit dem Fahren werden?

Was habe ich sonst noch so gemacht? Ich treffe mich so einmal die Woche mit Yuka. Letzte Woche waren wir zusammen auf einer Quiltausstellung. Morgen fahre ich mit ein paar Deutschen, die ich eigentlich noch gar nicht kenne, zum Seidenmuseum nach Yokohama. Dann bin ich auf der Suche nach einer Japanischlehrerin. Ich muss auf alle Fälle Japanisch lernen. Das kekst mich doch sehr, dass ich mich so gar nicht verständigen kann. Und Englisch können nicht gerade viele hier, meist nur ein paar Brocken und die sind nicht immer hilfreich. Da steht z.B. einer vor der Tür und erzählt dir was und du hast nur so eine Idee, sprich, wir dachten, unser Baum ist zu groß und muss gekürzt werden, damit er nicht an die Strommasten kommt. Da musst du ganz schnell einen Japaner, der Englisch kann, anrufen, damit er übersetzen kann. Und was ist? Hat alles gar nichts mit dem Baum zu tun. Wir sollten nur informiert werden, dass sie den alten Strommasten durch einen neuen ersetzen werden in der nächsten Zeit. Na denn.

Was gibt es sonst noch? Ach ja, Markus war mutig und ist zu einem Y 1000 (10 €) Frisör gegangen. Wenn ich das alles richtig verstanden habe, muss man sich erst eine Marke für Y 1000 am Automaten ziehen, dann wartet man, bis man an der Reihe ist. Langer Rede, kurzer Sinn, Markus hat es überlebt und die Haare sind recht gut geschnitten. Ich werde das wohl nicht so machen. Vorläufig muss ich mir nur bald mal meinen Pony schneiden...

So, das waren mal so ein paar Dinge, die mir auf die Schnelle in den Kopf kamen. Ich werde mich gleich aufmachen zur Post, eine Rechnung bezahlen (Dauerauftrag, Überweisung, Einzugsermächtigung, so was gibt es hier vielleicht, aber das ist unglaublich kompliziert. Cash bei der Post oder beim 7/11 bezahlen ist viel einfacher!!) und dann gehe ich zum 'Nachbarort' Jiyugaoka. Dort werde ich versuchen, eine Bankfiliale zu finden. Cash geht hier weg wie warme Semmlen, denn man zahlt alles cash (wir haben auch noch gar keine japanische Kreditkarte). Das ist so ziemlich das Gegenteil von USA. Ja, und dann werde ich noch was in der Sonne bummlen gehen und vielleicht irgendwo eine Kleinigkeit zum Lunch essen... ja, es geht uns gut.

Ich hoffe, bei euch ist alles ok. Wann seid ihr denn online? Wäre schön, mit dem ein oder anderen mal zu skypen. …

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(4) März 2011 Die Katastrophe - Im Exil


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Stand: 25. Februar 2015