Das Expat - Storyboard:

Heike:

Einleben mit Erdbeben -
Bericht von einem Umzug nach Japan

(4) Die Katastrophe - Im Exil, März 2011

 

11. 3. 2011: Spiegel-online: Die Katastrophe

"Häuser brennen, Küsten sind überschwemmt, Leute rennen panisch auf die Straßen: Ein schweres Erdbeben hat Japan erschüttert - unmittelbar danach traf eine große Tsunami-Welle das Land. Es gibt viele Verletzte, Millionen Menschen haben keinen Strom. …"

 

14. 3. 11, Mail aus Michigan: Im 'Exil'

Hallo Ihr Lieben,
erst einmal möchte ich mich für die rege Anteilnahme und die großzügigen Asylangebote bedanken. Ich habe wohl noch sie so viel telefoniert und kurz E-Mails beantwortet wie in den letzten Tagen. Das war anstrengend, hat mich aber auch in gewisser Weise abgelenkt, was gut war!

Nach zwei anstrengende Wochen hatte ich letzten Freitag gerade die letzte Kiste ausgepackt und mehr oder weniger alles hatte ein Plätzchen in unserem neuen Heim gefunden, als mich beim Staubsaugen das Erdbeben überraschte. Ein Erdbeben der Stärke 9 kann man nicht beschreiben. Das kann man sich auch gar nicht vorstellen, wenn man so etwas nicht mal selber erlebt hat. Ich hätte mir so etwas nicht in den wildesten Träumen vorstellen können! Vergessen werden wir das bestimmt nie wieder. Nach dem ersten Schock, das Haus war heil und auch im Haus war nichts zu Bruch gegangen, kam die nächste Sorge: es gab sofort keine Telefonverbindungen mehr. Markus konnte ich über unser deutsches Telefon (VOIP) noch im Büro erreichen, bevor sie evakuiert wurden. Von den Jungs, die noch in der Schule sein mussten, wusste ich aber überhaupt nichts. Im Verlaufe des Nachmittags gab es nur immer wieder ein paar Gerüchte. Eine Mutter wusste zu berichten, dass in den deutschen Nachrichten mitgeteilt worden war, dass es an der deutschen Schule keine Verletzten gegeben hätte. Ich war nicht zu beunruhigt, da Schulen grundsätzlich mehr gesichert und gut ausgerüstet sind. Einige Kinder konnten von den Eltern abgeholt werden. Max Freund wurde von einem anderen Freund mitgenommen und hat zuhause erzählt, dass Max geweint hat und auch nach Hause wollte. Das zu hören hat mir die Situation nicht gerade leichter gemacht. Ich hatte mich dann schon darauf eingestellt, dass die Jungs wohl die Nacht in der Schule verbringen werden, als sie um 22:30 dann plötzlich vor der Türe standen. Ich war noch nie so froh, die beiden nach Hause kommen zu sehen!

Markus hatte mir gegen 20 Uhr per Mail (Internet war die ganze Zeit verfuegbar) mitgeteilt, dass er versuchen wollte, mit einem Mitarbeiter mit dem Auto nach Hause zu kommen, es fuhren ja keine Busse und Bahnen mehr. Normalerweise fährt man 30 Minuten, er hat aber drei Stunden gebraucht und war dann gegen 23 Uhr auch zuhause. So waren wir alle wieder vereint.
Zur Ruhe sind wir aber kaum gekommen, da die Erde immer wieder sehr heftig bebte. Außerdem hatten wir die ersten Bilder der Zerstörung durch den Tsunami gesehen, einfach unvorstellbar.... Wir hatten aber keine Zeit, den Schock zu verdauen, denn eine neue Bedrohung durch die AKWs war auf einmal noch viel bedrohlicher als das Erdbeben. So haben wir den ganzen Samstag mehr oder weniger damit verbracht, irgendwie mehr Informationen über die Lage zu bekommen. Deutsche Botschaft, Schweizer Botschaft, was sagt die Firma, Tagesschau, Nachrichten, telefoniert.... Die Lage wurde eigentlich nicht klarer, nur von Stunde zu Stunde bedrohlicher!!! Um uns herum fingen die Familien an abzuwandern. Zur Sicherheit hatten wir schon mal Wasser in einer Badewanne gesammelt, falls man uns das Wasser abstellen sollte, wichtigste Sachen ausgedruckt, falls es mal keinen Strom mehr gibt. Bevor wir ins Bett gegangen sind, haben wir uns Wecker gestellt, damit wir auch während der Nacht die Lage checken konnten, nur nicht den Super-GAU verpassen! Zwei heftigere Nachbeben haben uns eh nicht wirklich schlafen lassen. Sonntag sind dann schon immer mehr abgewandert oder sollte ich sagen 'geflohen'. Wir waren noch mal einkaufen, Wasser gab es schon keines mehr und der Supermarkt war brechend voll. Wir haben immer wieder auf die erlösende gute Nachricht gehofft, leider vergeblich.

Flüge nach Deutschland hat man vor Mittwoch nicht mehr bekommen. Nach Deutschland/Europa fliegt man von Narita. Das ist normalerweise schon ca. zwei Stunden Fahrt von uns entfernt. Es gab immer noch keine Züge dorthin und die Autobahn war gesperrt. Über Schleichwege hätte es bestimmt ewig gedauert, dorthin zu kommen, und überhaupt hätte man die ja auch kennen müssen. Aber wir haben ja eh noch kein Auto. Es gibt einen weiteren Flughafen, nur 15 km von uns entfernt, da kann man ja zur Not sogar hinlaufen! So hat ein Freund in den USA für uns einen Flug von Haneda nach Detroit gebucht, ein Kollege, der Japanisch spricht, hat uns, keine Ahnung wie, innerhalb von einer Stunde ein vollgetanktes Mietauto besorgt und ich habe mir überlegt, was wir wirklich mitnehmen müssen. Es war hart zu akzeptieren, dass Markus erst einmal in Japan bleiben wollte, aber irgendwie auch verständlich. So haben wir dann nur noch gebetet, dass die AKWs halten.....

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, zwei Taschen zu packen und durchs Haus zu gehen mit dem Gedanken, dass man das alles vielleicht nie wieder sieht. Dabei hatten wir doch eben erst angefangen, uns heimisch zu fühlen. Ein paar unruhige Stunden bis um 3 der Wecker ging, aufstehen, letztes Packen, mit dem Mietauto auf der 'linken' Seite bis zum Flughafen, hat alles gut geklappt. Einchecken mit Sondersicherheitsbefragung, warum, wieso, weshalb und um wieviel Uhr wir Tickets gekauft haben, dann durch die Passkontrolle - "wo ist Ihr Re-entry-Stempel?" Keine Ahnung, braucht man so etwas auch? Mit einer unglaublichen Hingabe rennen mehrere japanische Beamte durch den Flughafen, ich fülle diverse Formulare aus, damit ich meinen Re-entry-Stempel bekomme und wir auch noch rechtzeitig zum Gate kommen - SCHWITZ, hat auch geklappt. Am Gate werden wir dann noch mal gründlich auf Sprengstoff geprüft und dann dürfen wir endlich ins Flugzeug.

Wir starten mit einer Stunde Verspätung, als wir abheben, komme ich mir irgendwie schäbig vor, einfach wegzulaufen. Diese Möglichkeit haben viele Japaner nicht. Die bange Frage, ob und wann wir wiederkommen, darf ich mir gar nicht stellen. Im Landeanflug auf Detroit meinte Jan nur, "das ist fast wie nach Hause kommen". Um 7:40 nehmen uns Evelyn und Frank in den Arm. Bei ihnen finden wir bis zum 25. Asyl. Bis dahin hat sich die Lage hoffentlich geklärt - wie auch immer. Wir sind alle müde, haben schon länger nicht mehr richtig geschlafen. Außerdem ist es ein komisches Gefühl, wenn man so in der Luft hängt. Weiterhin verfolgen wir die Lage in Japan, checken Flugverbindungen, just in case, Markus rechtzeitig informieren zu können, wenn er auch fliegen muss. So wie es derzeit aussieht, werden sie vielleicht mit einem Team nach Hiroshima ausweichen. Wir werden sehen. Ich werde euch weiter auf dem Laufenden halten. Sorry, falls diese Mail etwas konfus ist, aber ich habe jetzt auch schon ein paar Stunden nicht mehr geschlafen

Liebe Grüße und nochmals vielen Dank für eure Unterstützung, das hat sicherlich viel mehr geholfen, als ihr vermutet.

Lesen Sie hier weiter:

(5) April 2011 Rückkehr nach Tokyo


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Stand: 25. Februar 2015