Das Expat - Storyboard:

Heike:

Einleben mit Erdbeben -
Bericht von einem Umzug nach Japan

(5) Tokyo - ein neuer Start, Juni 2011

 

Hallo ihr Lieben,

jetzt habe ich mich so lange nicht gemeldet. Ich sage es frei heraus, mir war einfach nicht danach. Lange Zeit gab es auch einfach nichts Neues zu berichten, jedenfalls nichts, was ihr nicht auch aus den Nachrichten hättet erfahren können und dann habe ich einfach Zeit gebraucht, die Ereignisse rund um das Erdbeben zu verarbeiten, womit ich jetzt nicht sagen will, dass ich das bereits getan habe! Aber ich oder besser wir, sind im Prozess.

Die Entscheidung, zurück nach Japan zu gehen war richtig. Nur hier vor Ort konnte ich/wir die Lage wirklich für uns einschätzen. Auch jetzt, mehr als drei Monate nach dem Beben, ist die Lage im AKW weit davon entfernt, entschärft zu sein, auch wenn man immer weniger davon hört. Also diese Bedrohung haben wir immer noch vor der Haustür und da kann immer noch etwas passieren.
In Anbetracht dieser Situation sollte man meinen, dass wir immer einen Notfallkoffer mit dem Allernötigsten griffbereit haben. Ich kann nicht genau begründen, warum, aber den haben wir nicht. Es würde mich zu nervös machen, wenn ich immer an einem solchen Koffer vorbeilaufen würde. Ich versuche aber, immer genügend Bargeld im Haus zu haben, Pässe etc. liegen beisammen und was dann noch schnell gepackt werden müsste, wäre dann auch schnell zusammengesucht..... Das Ganze würde ja eh nur funktionieren, wenn alle zu Hause wären....
Also, es ist nicht einfach, mit dieser ungewissen Bedrohung umzugehen, aber wir versuchen unser Bestes!

Ich denke, die erste Zeit hier habe ich, rückblickend, irgendwie in Trance verbracht. Ich war völlig erschöpft und konnte mich vor allem überhaupt nicht motivieren, aber auch wirklich zu gar nichts. Ich hatte keine große Lust einkaufen zu gehen. Wasser und Milch waren sowieso limitiert (1l Milch pro Person und 2 l Wasser). Aber es gab auch nicht so viel. Die Regale in den Geschäften waren leer, weil viele Sachen einfach in den Norden gebracht werden mussten. Obst und Gemüse wollte ich auch nicht kaufen, da ich keine Ahnung hatte, woher sie kamen. So haben wir dann fast unsere gesamten Einkäufe beim Costco, einem amerikanischen Großhandel, vielleicht vergleichbar mit der Metro, getätigt. Da gab es dann genmanipuliertes Gemüse und Obst aus Amerika, aber das waren wir ja schon von den letzten Jahren gewöhnt....

Nachdem Jan und Max den gröbsten Jetlag hinter sich hatten, sind sie wieder in die Schule gegangen, die offiziell bis zum 9. Mai geschlossen war. Die Schule hat ein Betreuungsprogramm angeboten. So waren die Jungs wenigstens vormittags in der Schule und konnten dort mit einigen verbliebenen Lehrern die über das Internet verteilten Hausaufgaben bearbeiten etc. Es war wichtig, dass sie wieder einen geregelten Tagesablauf hatten.

Unsere Entscheidung, wie es mit uns weitergehen sollte, hing ganz wesentlich davon ab, wie es mit der Schule weitergehen würde. Es ist mir immer noch schleierhaft, warum, aber Anfang Mai hat die deutsche Botschaft die Reisewarnung für Japan aufgehoben, Japan war auf einmal wieder sicher geworden! Und damit konnte die deutsche Schule auch offiziell wieder öffnen. Da immer noch viele Lehrer in Deutschland waren, wegen Abitur, aber auch wegen der "Erdbebenkrankheit", konnte kein regulärer Unterricht stattfinden. Die ehemals zwei Klassen pro Jahrgang wurden zusammengelegt zu einer. Damit waren am Ende bei Jan und Max die Klassen grösser als vorher. Auch wenn sich die Schule sicherlich bemüht hat, unter den gegebenen Umständen das Beste zu machen, ließ das dann doch oft zu wünschen übrig. Die Kinder mussten sich nicht nur an neue Klassenkameraden gewöhnen, sondern auch an neue Lehrer, etc. Bedingt durch den Wechsel aus den USA und das Erdbeben und seine Folgen schreibe ich das Schuljahr für Jan und Max ab. Ich denke, dafür haben sie aber einiges für das Leben gelernt dieses Jahr.

Im Herbst soll der Schulbetrieb wieder ganz normal anlaufen. Im März hatte die Schule über 500 Schüler, für den Herbst rechnen sie mit ca. 300 Schülern. Es wird wohl pro Jahrgang nur eine Klasse geben, damit werden die Klassen grösser als bisher, aber immer noch kleiner als in Deutschland. Nicht erteilter Unterrichtsstoff soll im nächsten Jahr nachgeholt werden. Es bleibt uns nichts Anderes übrig, als abzuwarten, wie sich das alles entwickelt.

Wir haben lange überlegt oder es vor uns hergeschoben, was wir denn machen sollen. Die Aussicht, nach Deutschland zurückzugehen, und dort irgendwo geparkt zu werden, bis man eine geeignete Stelle für Markus findet, um dann vielleicht noch mal umzuziehen, schien uns nicht sonderlich attraktiv. Hier hatten wir die Zusage, dass die Schule weiterläuft. Die Strahlenbelastung hier in Tokyo ist normal. Die Messwerte sind zu niedrig, weil sie nicht korrekt gemessen werden, wie man so im Laufe der letzten Wochen lesen konnte. Aber selbst mit den (hoffentlich richtig) gemessenen Werten vom TÜV Rheinland liegen wir bei einer mit Deutschland vergleichbaren Strahlenbelastung. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann es war, aber irgendwann waren wir dann soweit auszusprechen, dass wir erst einmal hier bleiben. Das war ein riesen Schritt nach vorne, weil es auf einmal nicht nur noch den nächsten Tag gab, sondern wieder ein Ziel!

Natürlich sind da immer noch Zweifel. Man fragt sich schon, wie viel Strahlenbelastung man denn nun tatsächlich abbekommt, aber das wird uns eh keiner sagen. Ich frage mich natürlich auch, wie viel belastete Lebensmittel wir zu uns nehmen. Ich vertraue schon darauf, dass die Lebensmittel hier gut kontrolliert werden, aber auch wenn man nur leicht belastete Lebensmittel isst, kann sich die Radioaktivität im Körper ansammeln.....

Es gibt Leute, die trinken immer noch kein Leitungswasser. Das wäre für mich ein KO-Kriterium. Das Wasser ist ok und dann will ich es auch benutzen. Das Einkaufen von frischen Sachen ist da schon schwieriger. Erst habe ich ja immer noch Preis gekauft. Alles, was mir zu billig erschien, habe ich nicht gekauft. So langsam kenne ich auch schon ein paar Kanji, um den Herkunftsort der Sachen rauszufinden. Ich gehe dennoch nicht mit 'Liste' einkaufen, weil es mir zu blöd ist, stundenlang vor jedem Gemüse/Obst zu stehen und zu versuchen herauszufinden, woher es kommt. Eine Freundin, die immer mit Liste einkaufen geht, hat mir mal Tomaten mitgebracht, die 'aus dem Süden' kommen sollten, weil sie das Kanji nicht auf ihrer Liste hatte.... Dummerweise kamen sie aber doch aus Ibaraki, sie hatte es schlicht nicht auf ihrer Liste gefunden. Zwei Tage bin ich um diese Tomaten rumgeschlichen - und habe dann Tomate-Mozzarella gemacht. Die Tomaten waren echt lecker... Warum ich das jetzt so ausführlich geschrieben habe? Ich denke, diese Situation macht das, was uns gerade beschäftigt, sehr deutlich. Wir haben uns entschieden, hier zu bleiben, wissen aber auch, wo die Gefahren liegen und natürlich wollen wir sie meiden, wo wir können. Aber im täglichen Leben kann man sich durch solche Dinge nicht 'auffressen' lassen, sonst wird man hier seines Lebens nicht mehr froh. Es gibt Tage, da klappt das besser und andere, da klappt es weniger.

Nachdem wir uns dann auch entschieden hatten, erst mal hier zu bleiben, war ich auch wieder motivierter, Japanisch zu lernen. Die Firma bietet für die Mitausgereisten ein kleines Budget um sich beruflich fortzubilden. Mit Fortbildung kann ich hier ja nicht viel machen, aber ich kann das Geld auch für Sprachkurse benutzen (damit ich irgendwann mal so gut spreche, dass ich hier auch arbeiten kann.... :-))). Man muss das Budget im ersten Jahr beantragen und ich war mir nicht sicher, ob ich auch in irgendeiner Weise meine 'Erfolg' belegen muss. Lange Rede kurzer Sinn: ich habe meine Sprachlehrerin gefragt und sie hat gleich 'Blut' geleckt! Sie will mich bis Dezember für den ersten Proficiency Test fit machen! Na ja, immerhin arbeite ich jetzt daran, das Budget zu bekommen und vielleicht wirklich den Test zu machen. Und wenn nicht im Dezember, dann vielleicht nächsten Sommer, wobei der Sommer immer schlecht ist wegen der Ferien. So versuche ich mir jetzt Kanjis und Worte und Satzstrukturen zu merken, die für uns/mich doch teilweise sehr fremd sind. Ich werde euch über meinen 'Erfolg' auf dem Laufenden halten. Jan und Max haben bei der gleichen Lehrerin einmal pro Woche Unterricht. Sie macht das gut, aber eigentlich ist das zu wenig, um die Sprache zu lernen. Gerade sind sie dabei, die Alphabete zu lernen, was aufgrund der Strichordnung nicht immer so einfach ist, zumal, wenn man nicht die größte Begeisterung mitbringt.

Die Arbeit nimmt Markus ungemein in Anspruch. Leider ist es nicht nur die Arbeit, von der wir ja wussten, dass sie anders und mehr werden würde als in USA, nein, es ist auch das 'nach dem Beben-Klima': Obwohl Markus Japan, im Gegensatz zu den meisten anderen, gar nicht verlassen hat sondern ab dem 14. März für eine Woche in Hiroshima war, um mit zwei Kollegen von dort aus zu arbeiten wurde es ihm verübelt, dass er sich einfach 'vom Acker gemacht' und in 'Sicherheit' gebracht hat. Das Arbeitsklima im Büro hat hierunter einige Zeit gelitten. In der Krise werden die kulturellen Unterschiede zwischen westlichem Individualismus und japanischen Gruppenverhalten wie unter einem Brennglas verstärkt sichtbar. Japaner scheinen es kaum akzeptieren zu können, dass jemand sich individuell, nonkonform zur Gruppe verhält.

Dies zeigt auch die Erfahrung, die mir eine deutsche Bekannte kürzlich beim gemeinsamen Kaffee berichtete. Sie ist mit einem Japaner verheiratet und arbeitet seit 15 Jahren hier als Übersetzerin in einer Kanzlei (einzige Deutsche dort). Der Arbeitgeber hatte den Mitarbeitern freigestellt, von zuhause aus zu arbeiten, sofern keine wichtigen Termine anständen. Das war bei ihr nicht der Fall. Sie war mit ihren Kindern erst nach Osaka gefahren und ist dann nach Deutschland geflogen. Stets hatte sie vom jeweiligen Standort aus gearbeitet. Nach ihrer Rückkehr musste sie eine Strafe bezahlen, weil sie mit 'wehenden Fahnen' den Arbeitsplatz verlassen hatte, die diesjaehrige Bonuszahlung wurde um 50 % gekürzt und zudem sollte sie vor allen Mitarbeitern eine vorgeschriebene 'Entschuldigung' verlesen, wenn sie ihren Job behalten wollte. Letzteres hat sie nicht, bzw. dies dann mit eigenen Worten getan! - Ja, da frage ich mich doch echt, wo wir leben. Ich war so unvoreingenommen gekommen, offen für alles Neue. Aber ich kann nicht anders als zuzugeben, dass für mich dieses Verhalten doch sehr befremdlich ist und eher abstößt und ich es wohl niemals verstehen und nur schwer werde akzeptieren können. Japan hat für mich seine Unschuld verloren!

Aber eigentlich wollte ich noch etwas anderes schreiben. Markus ist ja unser begnadeter Urlaubsplaner. Vielleicht lag es an der Arbeit, die ihn so in Anspruch nimmt, vielleicht auch noch an den Folgen des Erdbebens, dieses Jahr hatte er so gar keine Lust, unseren Sommerurlaub zu planen. Vielleicht hat sich auch darin unsere Motivationslosigkeit gezeigt. So langsam wurde es aber Zeit, am 30. Juni fangen hier die Ferien an. Eigentlich war ziemlich schnell klar, dass wir nicht in Japan Urlaub machen wollen. Keine Ahnung warum, vielleicht ist da immer noch die Sprache das größte Handicap, vielleicht wollten wir aber auch einfach mal hier weg! Das Problem ist, dass in Asien Regenzeit ist und man sich schon genau informieren muss, wo man denn um diese Zeit hinfahren kann. Dazu fehlte uns aber die Energie und Zeit. In Australien ist Winter, auch wenn es dort natürlich auch Gegenden gibt, wo man jetzt hinfliegen kann. So fliegen wir im Juli für zweieinhalb Wochen nach Hawaii (Kauai). Wir möchten einfach nur mal raus, die Seele baumeln lassen, Abstand gewinnen und Kraft tanken. Denn wie man es dreht und wendet, die vergangenen Monate haben uns mehr Kraft gekostet, als man denkt.

Was gibt es sonst noch zu berichten? Wie gesagt, bei uns fangen die Ferien nächste Woche an. Jetzt wird es auch langsam Zeit. Die Zeugnisse werden bestimmt nicht so gut ausfallen wie in USA, aber das ist ja nicht weiter verwunderlich. Max tut sich schwerer mit der neuen Schule als Jan, wie es scheint. Es mangelt ihm manchmal an Selbstbewusstsein und dann "hudelt" er sehr gerne, sprich, bei allem, was er macht, macht er schnell, schnell und vergisst dann schon mal eine Aufgabe, oder vergisst in Mathe, die Formel anzugeben, nach der er rechnet, was alles zu Punktabzug führt. Irgendwann wir er das auch noch begreifen, aber bis dahin tut es manchmal schon weh, ihn zu sehen. Man kann ihm da ja nur unterstützend zur Seite stehen, helfen, mit der Situation fertig werden muss er alleine. Es ist eben schwer, groß zu werden!
Es ist gut, dass Max ein paar Freunde bei uns in der Nachbarschaft hat, mit denen er spielen kann. Jan hat es nicht so gut, seine Freunde wohnen weiter weg, aber da er ja gerne U-Bahn fährt, und das jetzt auch schon gut alleine kann, ist das auch nicht wirklich ein Problem. Er fährt auch alleine zum Karate, dass hier an einer Uni angeboten wird. Er ist da mit Abstand der Jüngste, aber die haben ihn, glaube ich, ganz gut aufgenommen. Neulich haben sie ihn gefragt, ob er abends noch mit essen gehen wollte. Das fand er ziemlich cool!

Seit Anfang Juni sind wir auch stolzer Besitzer eines siebzehn Jahre alten Nissan Bluebird!! Jan und Max finden ihn nur uncool, aber wir haben das Auto von jemandem, der nach Deutschland zurückgeht, geschenkt bekommen, na ja, so gut wie, wir mussten 1000 Yen, das sind ca. 10 Euro, dafür bezahlen. Und das Auto ist voll in Ordnung, es hat sogar schon Klimaanlage, was hier wirklich wichtig ist, wie wir in den letzten Tagen erfahren durften. Markus fährt jetzt mit dem Auto zur Arbeit. Morgens braucht er mit dem Auto nur ca. 25 Minuten anstatt 50 mit Bahn und Bus. Ja, und gestern habe ich dann auch mal das Auto gehabt und habe meinen ersten 'Ausflug' zum Einkaufen gemacht. Ein Navigationssystem mussten wir uns kaufen, was hier schwierig ist, weil alles auf Japanisch ist. Garmin wurde mir von meinen japanischen Freundinnen empfohlen, die haben das in USA benutzt, weil es mehrsprachig ist. Also haben wir ein Garmin gekauft. Sprache und Menuführung ist auch wirklich in Englisch, aber die Adresseingabe hat immer noch in Japanisch zu erfolgen! Es hat mich bestimmt zwei Stunden gekostet, um unsere 'home address' einzugeben, die für mich ja die wichtigste Adresse ist, wenn ich mich verirrt habe. Aber ich habe es sogar richtig gemacht und das Auto findet jetzt nach Hause! Offizielle Adressen kann man über Telefonnummer eingeben, was ziemlich praktisch ist. Mit Privatadressen funktioniert das nicht. Aber dazu lernen wir ja Japanisch.

Ja, also gestern war ich zum ersten Mal mit dem Auto unterwegs, immer bemüht, auch schön links zu fahren. Habe den Supermarkt prima gefunden, war ganz happy, dass ich nicht mal Parkgebühr bezahlen musste und nehme an der ersten Ecke (immer schön links fahren, aber nicht zu weit!) wohl den Bordstein mit. Das heißt, erst habe ich ja gedacht, dass ich nur leicht eine Hecke gestreift habe. Keine Ahnung, was wirklich passiert ist, aber ich hatte augenblicklich einen Platten und stand ziemlich blöd an einer Ampel. Der Gegenverkehr hat mich schon wild hupend und gestikulierend auf den Platten hingewiesen - als ob ich das nicht schon gewusst hätte! - und dann habe ich verzweifelt versucht ein Plätzchen zu finden, wo ich anhalten konnte, ohne ein Verkehrschaos zu verursachen. Also bin ich um den Block gefahren bis ich einen Platz gefunden hatte. Da kam mir auch schon eine Frau mit Fahrrad entgegen, die mich fragte:"daijobu desu." - alles in Ordnung? Ich hab nur auf den platten Reifen gezeigt und sie meinte, ich solle warten. Markus konnte ich telefonisch nicht erreichen, weil er in einem auswärtigen Betrieb in einem Meeting war. Super, und was macht man bzw. Frau dann? Da kam auch schon die Frau mit dem Rad wieder und hatte einen Mann in Schlepptau. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass sie mich nach dem Reserverad gefragt haben - komisch, Reserverad ist nicht unbedingt das erste Wort, dass man im Survival-Japanisch lernt, ist aber ganz einfach, heisst japanisch spare tire :-))), - aber ich habe dann doch schnell verstanden und dann hat dieser Mann in Windeseile absolut professionell mein Rad gewechselt, als ob er nur darauf gewartet hat, dass ich komme. Dann haben die beiden mir auf Japanisch versucht zu erklären, wie ich zur nächsten Reifenwerkstatt komme. Mit Händen und Füssen habe ich es sogar verstanden, mich aber entschlossen, erst nach Hause zu fahren, weil es keine fünf Kilometer waren. Die Frau mit dem Rad hat mir sogar noch den Weg gewiesen. Dem Mann war mein Dank fast peinlich, er schien es als das Selbstverständlichste der Welt aufzufassen, wie er mir geholfen hatte. Ich war einfach nur dankbar, konnte das aber überhaupt nicht so sagen.

Zuhause habe ich dann den Nissan-Händler angerufen, der die Ummeldung für uns gemacht hat. Er spricht etwas Englisch, aber am Telefon ist das schwierig. Ich war mir überhaupt nicht sicher, ob er mich richtig verstanden hatte, aber er wollte sofort zu uns nach Hause kommen, nachdem er erst mal geschnallt hatte, wer da am Telefon war -  und stand wirklich in weniger als 15 Minuten bei mir vor der Haustür! Er hatte verstanden, hat das Auto mitgenommen und es mir gegen Abend wieder gebracht - mit neuem Reifen. Im Weggehen hat er sich noch mal umgedreht und mich gefragt, wie ich denn den Reifen gewechselt habe? Ob ich so was wie den ADAC gerufen hätte oder ob ich es selber gemacht hätte? Das wäre natürlich die Chance gewesen, sein Frauenbild in den Grundfesten zu erschüttern, aber ich habe ihm ehrlich erzählt, wie es war und wie glücklich ich bin, dass ich so viel Hilfe bekommen hatte. Wenn ich keinem was erzählt hätte von meinem Abenteuer, hätte keiner was gemerkt. Auch das ist Japan. Wie es mir wohl in USA oder in Deutschland in einer solchen Situation ergangen wäre, als Ausländer, der der Sprache so gut wie nicht mächtig ist?

Was gibt es sonst noch? Markus hat neulich beim Einkaufen einen Japaner in Michigan-T-Shirt gesehen und angesprochen. Und siehe da, er hat mit seiner Frau in Novi gelebt und für eine deutsche Firma gearbeitet. Und nicht nur das, er hat wohl sogar für den Mann einer Freundin aus USA gearbeitet - so klein ist die Welt!!! Letzte Woche hat mich die Frau angerufen und jetzt werden wir mal versuchen, ob wir uns nicht mal auf einen Kaffee treffen können.

Mit meinen japanischen Freundinnen habe ich mich auch wieder getroffen. Das erste Treffen nach dem Erdbeben war deutlich von Unsicherheit auf beiden Seiten begleitet. Ich habe nochmals versucht, meinen Standpunkt und meine Einschätzung der ganzen Situation klarzumachen und kann eigentlich nur hoffen, dass es wenigstens auf etwas Verständnis gestoßen ist. Immerhin hat eine von ihnen mich gefragt, ob ihr Mann uns auch mal kennenlernen dürfte. Das kam für mich ziemlich überraschend, weil ich das nie erwartet hätte. Ja, und so kommen sie morgen zu uns zum amerikanischen Barbecue. Hoffentlich bleibt es trocken!

Das bringt mich nun aber auf den letzten Punkt, den ich heute erzählen will, das Wetter: Wir sind mitten in der Regenzeit. Bislang war das Wetter eigentlich ganz ok, Temperaturen um die 25 Grad, immer ziemlich feucht, aber auszuhalten. Bis Mittwoch, da gab es ein ungewöhnliches Hochdruckgebiet und wir hatten gleich weit über 30 Grad. Gestern wurden für Juni Rekordtemperaturen von fast 40 Grad gemessen. Ich konnte es ja kaum glauben, dass man hier Trockenmittel in die Schränke stellt, um die Feuchtigkeit zu binden. Aber ich habe es auch gekauft und es ist unglaublich, binnen zwei Tagen hat sich in diesen Behältern wenigstens 250 ml Wasser gesammelt! Gestern habe ich noch mal 'aufgerüstet' und Trockenmittel für Pullover, Anzüge, etc. gekauft. Die Klimaanlage haben wir mittlerweile auch in Betrieb genommen, vor allem zum Entfeuchten! Ich habe keine Ahnung wie es werden soll, wenn wir dann in Urlaub sind. Da werden wir wohl den Entfeuchter rund um die Uhr laufen lassen müssen und hoffen, dass sie uns den Strom nicht zu oft abstellen und dass das Gerät danach auch wieder anläuft. Ich habe wirklich keine Lust, nach unserer Rückkehr einen Schimmelpilz auf unserer Couch vorzufinden. Da hört man wirklich die absonderlichsten Geschichten. - Muss jetzt Schluss machen. Max feiert seinen Geburtstag heute und ich muss jetzt Lasagne für das Abendessen machen. …

==ENDE===

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(1-6) Heike's gesamter Bericht als PDF-Download


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Stand: 25. Februar 2015