Das Expat - Storyboard:

Jonas Ley 

Dinner mit dem Präsidenten

(Ist mit anderen Stories von Jonas Ley 
aus Korea - als Buch bei Edition Pepperkorn: www.peperkorn.de erschienen

02.05.2001

 

Ja, ich mag koreanisches Essen, schließlich esse ich es jeden Tag. Bevor ich Gefahr laufe, es nicht zu mögen, mag ich es lieber. Allerdings werde ich, der ich fast alles esse, was die koreanische Küche zu bieten hat, zuweilen an meine Grenzen geführt, nämlich dann, wenn ich mittags in der Kantine mit dem Löffel und den Stäbchen mühsam das viele Fett und den Knorpel vom Fleisch trennen muss und abends beim Dinner mit ein paar Besuchern aus Deutschland das viele Fett und den Knorpel von Fleisch löse, am nächsten Tag in der Kantine mit einigem Aufwand das Fleisch vom Fett und vom Knorpel zerre und am Abend das Dinner mit einer Gruppe aus der Abteilung nur genießen kann, wenn ich, ja doch, ich wiederhole mich, das Fett und den Knorpel vorher vom Fleisch abgequetscht habe. Und so weiter. Mein Problem liegt nicht direkt auf der Hand, sondern sozusagen in wachsenden Mengen auf dem Rand meines Tellers: Fett und Knorpel. Das mag ich nun mal nicht. Ich finde den Geschmack und die Konsistenz von Fett und Knorpel einfach widerlich.

Aber Knöchelchen und dicke Gräten können mich auch stören, enorm sogar, denn ich hasse es, wenn ich unvermutet auf etwas Hartes beiße oder sich etwas Spitzes schmerzhaft in mein Zahnfleisch bohrt, nur weil die Köchin oder der Metzger ohne die geringste Rücksicht auf die Anatomie des Huhns oder des Schweines oder des Rindes oder des Hundes oder des Fisches mit dem Hackebeil das arme Vieh in Stücke geschlagen hat, mit deren Größe ein normaler Endverbraucher etwas anfangen kann, also stäbchengerecht.

Sagte ich gerade Hund? Nein, natürlich esse ich keinen Hund, ich bin ein entschiedener Gegner von Hundefleisch, denn ich finde es widerlich, dass die armen Kreaturen bei lebendigem Leibe mit Stroh umwickelt, an einem Fleischerhaken durch die Sehnen der Hinterläufe aufgehängt und dann angesteckt werden. Im rechten Moment, wenn sie jaulend vor Schmerz und Zorn und Hilflosigkeit mit dem Knüppel erschlagen werden, ist ihr Fleisch wegen des vielen Adrenalins angeblich besonders schmackhaft, und Mr. Hong schwört auf die potenzsteigernde Wirkung. Da esse ich doch lieber Ginseng, der gerne als ganze Wurzel in die Suppe geschmissen wird, damit man auch sieht, dass Ginseng drin ist. Dieses berühmte Gemüse ist dann zwar nicht unbedingt stäbchengerecht, zudem auch erstaunlich geschmacklos, aber man kann es ja nicht jedem recht machen.

Besondere Highlights der koreanischen Küche lernt man allerdings erst kennen, wenn man vom Presidenten unserer Firma zum Dinner eingeladen wird. Als Koreaner aus einer der vornehmsten Familien des Landes kennt er sich in den erlesensten Leckerbissen aus. Wir haben die Einladung selbstverständlich angenommen.

Wir lassen uns in einem Separee des Restaurants auf dem Boden im Schneidersitz nieder. Wer will, darf seine Beine auch unter dem Tisch ausstrecken. Mangels einer Rückenlehne sind beide Möglichkeiten recht unbequem. Ich würde mich lieber hinknien und auf den Füßen sitzen, aber ich weiß, dass das ganz schlechtes Benehmen ist, weil die ungeliebten Japaner das so machen.

Da der President eingeladen hat, darf er bestellen. Er fragt meist, ob jemand Hund mag, um sich dann an der Entrüstung zu ergötzen, aber der Verzicht auf Hundefleisch ist auch sein einziges Zugeständnis an die begrenzte Belastbarkeit seiner ausländischen Gäste. Sobald klar ist, dass kein Hund auf den Tisch kommt, nimmt er sich die Freiheit, das zu bestellen, was ihm sonst noch schmeckt und allen anderen zu schmecken hat.

Er klingelt dann die Bedienung herbei und gibt seine Order, die niemand außer ihm und der Bedienung versteht, denn er spricht dabei sehr schnell, weil er weiß, dass wir Deutschen allmählich immer mehr Gerichte beim koreanischen namen kennen und vielleicht protestieren könnten, wenn er langsam spräche und wir ein bisschen verstehen würden. Die wenigen Minuten bis zum Servieren des Essens werden mit Smalltalk überbrückt. Das ist auf der ganzen Welt so und daher nicht weiter erwähnenswert.

Spannend wird es, wenn plötzlich die Tür des Separees aufgestoßen wird und die dreifach geklonte Bedienung mehrere Tabletts hereinträgt. Wir müssen unseren Smalltalk unterbrechen, denn die unzähligen Schüsselchen, Stäbchen, Servietten und Gläser mit überwiegend weißen, roten und grünen Inhalten werden so schnell auf dem niedrigen Tisch verteilt, dass wir vor lauter hin und her schwingenden Armen unser Gegenüber nicht mehr sehen und fasziniert zuschauen.

In der Regel wird immer etwas direkt am Tisch gebraten oder gekocht. Dazu braucht es glühende Kohlen in einem speziell geformten Träger, der in eine Öffnung in der Mitte des Tisches eingesetzt wird. Darüber kommt der Rost, und dann drapiert die Bedienung auch schon das rohe Fleisch in großen Lappen auf dem Rost und schnippelt es nach dem Anbraten mit einer Schere klein, wobei ich mich immer ärgere, wenn sie die Sehnen, das Fett und den Knorpel nicht ab-, sondern durchschneidet, so dass nur wenige schiere Stücke anfallen. Aber ich weiß nun mal nicht, wie ich sie auf Koreanisch anfauchen könnte: "Schneide doch das ungenießbare Gezadder ab, du blöde Gans."

Nachdem man seine Favoriten und auch die der Tischnachbarn mit den Stäbchen mehrfach gewendet und hin und her gezupft hat, bis die besten Bissen alle in eigener Reichweite liegen, nimmt man den dicksten Brocken auf ein Salatblatt und fügt aus den Schüsselchen Knoblauch und in scharfen Soßen getränkte Gemüsestückchen hinzu, garniert das Häuflein noch mit ein paar getrockneten Algen, Tang und Quallestückchen, faltet das Blatt zusammen und schiebt es mit den Fingern in den Mund.

Jetzt gibt es je nach Zutat, Erfahrenheit des Gastes und Gemeinheit der Köchin eine mehr oder minder heftige Geschmacksdetonation. Der Pfeffer und der Chili entfachen auf den Nerven der Zunge Flächenbrände, die rasch auf den Gaumen und den Rachen übergreifen und mit nichts mehr zu stoppen sind. Es wird sehr still in der Runde, weil jeder mannhaft ein befreiendes Röcheln unterdrückt und in äußerster Selbstbeherrschung die Augen und Lippen fest schließt und damit den Tränen keine Chance gibt. Von außen könnte das als genießerische Geste missdeutet werden. Anfänger murmeln, während sie nach einem Taschentuch nesteln, etwas vom Schnupfen und einer Erkältung oder eine rührende Episode von dem kürzlich verstorbenen Onkel, welch ein Verlust.

Dann sagt der President "Oh, Sie haben ja noch gar nichts zu trinken", und er greift nach der weißen Flasche in edlem Design. Sie sieht teuer aus. Man muss dann die Stäbchen umgehend fallen lassen, sich ein Glas nehmen und es dem Presidenten hinhalten, dabei aber unbedingt mit der freien Hand den Arm unterstützen und je nach Respekt und hierarchischer Relation zu ihm weiter am Handgelenk oder am Oberarm. Da er mein Chef ist, unterstütze ich meine Hand etwa an der Manschette, das ist sehr respektvoll, aber noch nicht unterwürfig. Er hat seinen Arm am Ellenbogen angefasst, wenigstens nicht am Oberarm – ich bin in seiner Achtung also noch nicht unten durch.

Jetzt wird das Glas nach dem Prost in einem Zuge geleert, und das ist die zweite Angriffswelle auf die Gesundheit. Man braucht keine Angst vor dem Sterben zu haben, wenn das Blut pochend in den Kopf steigt, denn der President beruhigt: "It"s very healthy!" Aber das Pensionsalter und die durchschnittliche Lebenserwartung der Koreaner liegen deutlich niedriger als in Deutschland, wie man hört.

Nachdem unser Beiß- und Verdauungsapparat auf das Dinner eingestimmt wurde, können wir uns ganz auf die Inhalte der übrigen Schüsselchen und Flaschen konzentrieren.

"You must try this", sagt der President und deutet mit seinen Stäbchen auf appetitliche Stücke, die wie caramelisierte Nüsse aussehen. Ich nehme mir ein ordentlich großes Exemplar, schiebe es in den Mund und erstarre: Knorpel. Reiner, dicker, entsetzlich glupschiger Knorpel. Jetzt nur nichts anmerken lassen, denn der President beobachtet scharf und wartet auf mein Urteil.

Ich kaue den Bissen an, kämpfe tapfer gegen meinen Brechreiz. Es gelingt mir, ihn ein wenig zu zerkleinern, bis ich ihn endlich herunter würgen kann. Dann atme ich auf.

"Oh, it’s delicious."

Der President strahlt zufrieden. "Yes, it’s from the knee of the cow", sagt er und drückt auf den Klingelknopf am Kopfende des Tisches, um die Bedienung zu rufen. Ein Klon steckt den Kopf zur Tür herein, der President erteilt ein paar knappe Anweisungen, und wenig später wird die Suppe hereingetragen. Sie riecht köstlich. Sie sieht appetitlich aus, sie wird mir schmecken. Sind das da nicht viele, viele klitzekleine Krabben in der Suppe? Ich liebe Krabben!

Dann nehme ich einen Löffel voll in den Mund. Der Geschmack ist merkwürdig, die Konsistenz irgendwie anders als erwartet, es knirscht zart zwischen den Zähnen. Sollten die Krabben etwa nicht geschält sein? Ich betrachte sie genauer. Tatsächlich: da, die Beinchen und Fühler. Oh heiliger Lukull, rette mich! Aber es hilft nichts. Die Suppe wird ausgelöffelt.

Das Dinner ist noch nicht überstanden. Ein neuer Gang wird hereingetragen. Tintenfischärmchen, ganz frisch, lebend. Sie zappeln und winden sich. Der President nimmt eins mit seinen Stäbchen und steckt es in den Mund. Langsam beginnen seine Zähne zu malmen. Ich fühle körperlich, wie sich die Tintenfischärmchen schreiend dieser Tortur widersetzen.

"You want to try?" fragt er mit vollem Mund. Das eröffnet die Möglichkeit, dem auszuweichen.

"Oh, I prefer the meat."

Er lacht, und ich rolle meine nächste Geschmacksbombe in ein Salatblatt. Lieber innerlich vom Pfeffer zerfressen als von einem Tintenfisch.

Wieder geht die Tür auf, welche Gemeinheit kommt jetzt? Sind das etwa geröstete … ich wage nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, aber die Realität ist erbarmungslos. Ja, es sind geröstete Heuschrecken.

"That is the best", sagt der President, greift sich ein fettes Exemplar und schiebt es zwischen die Zähne, wo es knisternd zersplittert. Ich darf jetzt nicht schlapp machen, denn ich habe noch einige Jahre in Korea vor mir, so es das Schicksal nicht anders will. Ich schaffe es, mein Hirn komplett auszuschalten, in die Schale zu greifen und eines dieser Dinger in meinen Mund zu schieben. Dann beginne ich automatisch zu kauen, nichts denkend. Ich fühle, wie sich ein nussiger Geschmack breit macht, sich mit meinem Speichel vermengt und dann langsam den Abgang hinab rutscht. Das war eine Heuschrecke? Unglaublich. Das war ja echt lecker! Ich greife einen weiteren Hüpfer und kaue ihn durch, genussvoll. Ich mag Heuschrecken! Wo ist meine gegenteilige, tiefsitzende, frühkindlich geprägte Abneigung gegenüber gegrillten Insekten geblieben? Ich bin sehr irritiert.

Der President schaut mich wohlwollend an.

"Welcome to Korea", sagt er.

"I’m glad to be here", sage ich.

Wir prosten uns zu. Eigentlich ist die koreanische Küche doch ganz passabel.

 

© Edition Peperkorn
Wir danken dem Verlag für die Zustimmung zur Veröffentlichung


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Stand: 28. Juni 2010