Das Expat - Storyboard:

Lore & Gunther:

Brasilien 2000 – ein Jahr interkulturelles Abenteuer

19.12.2000
Caros leitores,

hier kommt ein "kleiner" Weihnachtsgruß aus der Ferne!

Seit November 1999 wohnen wir, Gunther und Lore, mit Julia, Waltraud und Iris hier in Guaratinguetá in Brasilien, etwa in der Mitte zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, je etwa 200 km entfernt.

Unser Visum kam im Februar 2000 an, unser Umzugsgepäck im Juni! Bis dahin lebten wir mit unserem Fluggepäck, Schlafsack/Isomatte, dem neu gekauften Herd, Kühlschrank und Tisch und den wenigen Möbeln des Vermieters.

Anfangs waren natürlich hauptsächlich Sprachprobleme zu bewältigen, wir nahmen zu fünft fleißig Unterricht, den Gunther und Lore auch jetzt noch fortsetzen; die Kinder lernen in der Schule genügend. Der Empfang bei Nachbarn, Kollegen und Klassenkameraden war äußerst herzlich, es hagelte sofort Einladungen und Tips, so dass keinerlei Isolationsgefühl aufkam. Wir bemühten uns auch schnell um die Aufnahme in den Sportclub und um Musikunterricht für Julia, Waltraud, Iris und Lore, um unsere gewohnten und liebgewonnenen Aktivitäten fortführen zu können. Der Musikreichtum Brasiliens freut uns alle, wir spielen Sambas, Volkslieder, Bossa Nova und "Música Popular Brasileira" (MPB), chansonartige Lieder mit oft interessanten (teils revolutionären, gegen die Militärdiktatur der 70er Jahre gerichteten) Texten. Im Sportbereich mussten wir uns ein bisschen umstellen: Hockey wird hier nicht gespielt, dafür nehmen alle drei Kinder am Handballtraining der Schule teil und haben auch schon mit ihren Mannschaften Turniere gewonnen; Julia und Waltraud spielen Tischtennis, wo sie ebenfalls auf Turnieren schon erfolgreich waren; Iris trainiert Bodenturnen und Capoeira, eine typisch brasilianische Sportart, die zu Trommel- und Berimbau-Musik ausgeführt wird, wie eine Mischung aus Tanz, Akrobatik und Karate aussieht und als versteckte Selbstverteidigung der (waffenlosen) Sklaven entwickelt wurde. Schwimmen hat den Vorteil, nicht zu Schweißausbrüchen zu führen, was man vom Wandern, Radfahren und Laufen nicht gerade behaupten kann. Wir betreiben eine Mischung aus allem, je nach Wetter und Motivation.

Vor allem Lore hat genügend Zeit dafür, ohne Berufstätigkeit und mit einer – hier üblichen – Haushaltshilfe. Allerdings nimmt der Privatunterricht der drei Mädchen in den deutschen Schulfächern, den Lore mit Gunthers Unterstützung durchführt, auch eine gewisse Zeit in Anspruch; im übrigen ist es auch herrlich, mal wieder Zeit zum Lesen zu haben! Und, nicht zu vergessen, ganz normaler Alltagskram wie Geldgeschäfte, Autoreparaturen, Versicherungen oder Besorgungen, können unversehens einen halben Tag dauern, siehe unten!

Jetzt, nach gut einem Jahr, ist schon vieles Bestandteil unseres ganz normalen Alltags geworden, worüber wir anfangs erstaunt waren: Mango und Papaya im Überfluss, Palmen, Orchideen und Bananenstauden, Umarmung mit 1-3 Küsschen zur Begrüßung, ungeteerte Fahrwege in der Stadt und Landstraßen mit tiefen Schlaglöchern, Feuerwerk zu jeder Tages- und Nachtzeit, zu jedem Anlass (Geburtstagsfeier, Tore beim Fußball, ...).

Ab und zu wird uns die Andersartigkeit noch bewusst:

  • vom (ungeheizt) 27° warmen Schwimmbecken aus oder am Strand die Sonne hinter Palmen untergehen zu sehen;
  • auf dem Markt die Vielfalt an teils nie gesehenem Gemüse, Obst, Flechtwaren, offen abhängendem Rindfleisch und lebenden Hühnern nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören und zu riechen;
  • dreißig-Personen-Schlangen in post oder Bank (es gibt keine Daueraufträge, nicht einmal Überweisungsformulare), die nicht nur geduldig warten, sondern teils auch fröhlich schwatzen, weil Pausen jeder Art (fast) immer willkommen sind;
  • zu einer Einladung für 12.00 Uhr erst um 14.00 zu erscheinen und vom Gastgeber freudestrahlend mit dem ersten fertigen Grillfleisch begrüßt zu werden;
  • mit einem platten Reifen in die "borracharia" zu fahren, zu erkennen, dass es als normal betrachtet wird, hier alle paar Monate den Reifen flicken zu lassen, sich über den Preis von ca. 6 DM inklusive Montage zu freuen, und am nächsten Tag den Reifen wieder platt zu finden;


Immer mal wieder ertappen wir uns bei dem Gedanken "das gäbe es in Deutschland nicht" oder auch "das habe ich / haben wir so noch nicht erlebt". Wobei das nicht wertend gemeint ist – "hier ist vieles anders" bedeutet nicht automatisch "in Deutschland ist es besser"!

Dieser Wechsel des Standorts, bei dem das Erleben, der Vergleich mit dem Gewohnten und auch eine davon unabhängige Wertung eine Bereicherung der Erfahrung darstellt, beschäftigt uns in unseren Gesprächen immer wieder.

Die Schwelle vom Dritte- zum Erste-Welt-Land zieht sich mitten durch den Alltag, wir erleben sie ganz konkret. Im Folgenden einige Gedanken dazu.

Wir stoßen auf viel Offenheit und Interesse bei Brasilianern, was das Leben in Deutschland angeht, allerdings begrenzt durch eine gewisse Provinzialität: viele Brasilianer hier in der Kleinstadt haben kaum Fremdsprachenkenntnisse, sind zurückhaltend bei ungewohnten Gerichten, bemühen sich nicht um internationale Nachrichten. Nur: wäre das in einer ländlich geprägten Kleinstadt in Deutschland anders?

Die Schulausbildung lässt das gleiche Dilemma erkennen: Interesse an Informatik, der Wunschtraum, in den USA zu studieren, aber selbst in einer (der) besten Privatschule(n) am Ort bringt nach vier Jahren Unterricht die Mehrzahl der Schüler keinen ganzen Satz auf Englisch zustande.

Es gibt viele Läden mit Scannerkassen, an denen auch mit Kredit- oder Scheckkarte bezahlt werden kann, und mindestens fünf Computerschulen am Ort, aber auf der anderen Seite eine Stadtbücherei, wo von Hand jeder Ausleihvorgang auf drei verschiedenen Karteikarten festgehalten werden muss (ein Katalog existiert auch nicht). Ähnlich sieht die Einschreibung in einen Sprach- oder Musikkurs aus, von der Schule ganz zu schweigen – endlose Formulare mit Durchschlägen, jedes Jahr von neuem, und bei jedem Schreibfehler wird ein frisches Formular gezückt.

Diese Genauigkeit in kleinen Dingen, eine gewisse Formular- und Amtshörigkeit, setzt sich fort in einem geradezu heiligen Respekt vor der Polizei, Konsulaten und ähnlichen "stempelnden" Stellen. Wobei ich als Radfahrer durchaus unter den Augen eines Polizisten bei Rot oder gegen die Fahrtrichtung fahren darf – das ist üblich und nur mein Problem. Aber Anekdoten von Autokontrollen mit Willkür-Strafen hört man öfters, allerdings meist vom Freund eines Freundes, mit unbekanntem Wahrheitsgehalt. Und ohne ein offizielles Dokument mit dem vollen Mädchennamen der Mutter braucht man beim Konsulat gar nicht erst anzutreten!

Im Gegensatz zu dieser peniblen Amtsausübung ist ist eine funktionierende Planung in Brasilien eher selten. Vieles wird einfach wieder anders entschieden, Termine im letzten Moment verschoben oder schlicht vergessen, was dazu führt, dass von der Arztpraxis aus angerufen wird, um an den am nächsten Tag anstehenden Termin zu erinnern, und auch wir selbst dazu übergehen, bereits fest vereinbarte Termine nochmals zu verifizieren. Wenn durch die Nichteinhaltung der Planung das Chaos auszubrechen droht, schlägt die Stunde der Improvisation: dann wird bis in die Nacht hinein telefoniert und ein Dreh gefunden, jemand kennt noch einen, der einen kennen könnte, der jetzt weiterhelfen kann, und zuletzt ist die Angelegenheit zu aller Zufriedenheit doch noch geregelt.

Überhaupt haben Überraschungen Vorrang vor Routine, fast im Sinn des Ratschlags aus der Moderationstheorie "Störungen gehen vor": der Kunde, der zuerst dran war, muss warten, während ein neu gekommener "bloß schnell etwas fragt" oder während der Verkäufer zwei Telefonanrufe entgegennimmt. Ähnlich in der Arbeit: monatliche Routineberichte müssen immer wieder angefordert werden, aber bei Sonderaufträgen springt der Mitarbeiter sofort zum Telefon, um womöglich noch im Beisein des Chefs die Aufgabe zu erledigen.

Mit diesen Beobachtungen wurde uns allmählich klar, wieso das Bruttosozialprodukt pro Kopf in Brasilien nur etwa ein Sechstel des deutschen beträgt. Die Effektivität der Arbeit ist hier nicht nur theoretisch, sondern spürbar geringer; der Satz "der Mensch ist nicht für die Arbeit da" könnte von hier sein. Alternativen sind hier die Familie, Geselligkeit, Feste feiern.

Vielleicht hängt es allerdings damit zusammen, dass man viel mehr fröhliche Gesichter sieht und im Normalfall von Bekannten wie Unbekannten viel freundlicher behandelt wird als in Deutschland?

Wenn man sich die immensen sozialen Kontraste vor Augen hält, die hier existieren, kommt einem diese Fröhlichkeit noch verwunderlicher vor: man sieht Favelas aus Karton und Wellblech neben riesigen Villen. Ein Hilfsarbeiter verdient ein Fünfzehntel vom Gehalt eines Akademikers (in Deutschland, netto, bei gleichem Alter, ungefähr ein Drittel).

Die Brasilianer empfinden sich als ein friedliches Volk, der Krieg gegen Paraguay im 19. Jahrhundert wird dabei ignoriert, ebenso die Quasiausrottung der Indios,die im internationalen Vergleich späte Abschaffung der Sklaverei und eine Statistik, in der Brasilien hinter Russland und Kolumbien den dritten Platz bei Mord als Todesursache einnimmt (5000 pro Jahr allein in São Paulo). Allerdings sind die verschiedenen Staatsformen ohne Bürgerkriege ineinander übergegangen, und im Alltag außerhalb der Favelas ist, z.B. im Straßenverkehr, wenig Aggressivität zu spüren. "Leben und leben lassen" scheint das Motto zu sein, die Hupe ist zum Grüßen, Danken und allenfalls freundschaftlichen Warnen da, sture Drängler gibt es sowenig wie sture Rechthaber – aber ein gerüttelt Maß an unvorsichtigen, sorglosen Dichtauf- und Slalomfahrern, was Unfallraten von 30 Toten auf einem 400 km langen Stück Autobahn an einem einzigen "langen Wochenende" erklären hilft.

Hier könnte man allerdings auch als zivilisationsmüder Aussteiger ein Plätzchen finden, wo man mit Hühnern und selbstgerodeten Feldern, drei Autostunden von der nächsten Siedlung entfernt, sein Leben verbringen könnte, ohne nach Passnummer und Geburtsdatum gefragt zu werden. Das Land ist riesig, die Erschließung beschränkt sich auf die notwendigen Verbindungen zwischen den vorhandenen Dörfern und Fazendas, dazwischen ist viel Platz, selbst hier im Süden. Nie gekannte Naturerlebnisse gibt es in Hülle und Fülle: Strände (z.T. tatsächlich einsam), Berge, die einem das Gefühl von Erstbesteigungen geben, wo der Weg noch freigehackt werden muss, begehbare Höhlen mit und ohne Wasser, glasklare Flüsse, wo man zwischen den Fischen schnorchelt, Wände von wucherndem Grün um einen herum im Urwald. Um die Natur direkt vor der Haustür genießen zu können, wo sie nicht touristisch organisiert ist, muss allerdings erst wieder mit der Nichtexistenz von Straßen- oder gar Wanderkarten gekämpft werden. Bevor wir eine 2-Tageswanderung in den nächsten Bergen durchführen konnten, mussten wir etwa 20 Leute fragen und Erkundungsfahrten auf Lehm- (bei Regen Schlamm-) Straßen machen, um überhaupt die Anfangs- und Endpunkte der Tour zu erfahren, und mehrmals Tagestouren unternehmen, um Schwierigkeitsgrade, Entfernungen und Wegzustände zu testen. Im Winter, zur Trockenzeit, steigen überall Rauchsäulen auf, das Abbrennen von Flächen gilt als völlig normal, kaum einem ist die Problematik bewusst, Kontrollen finden nicht statt.

Überhaupt steckt Kontrolle, die Bekanntmachung und Durchsetzung von Regeln, streng genommen die ganze Demokratie (weniger politisch, als im Bewusstsein der Gesellschaft gemeint) noch recht in den Kinderschuhen. Einerseits ging die Militärdiktatur erst 1985 zu Ende, über Pinochet und selbst Hitler werden durchaus freundliche Gespräche geführt. Andererseits ist aus der Sklavenzeit (Abschaffung der Sklaverei erst 1888) ein starker "Paternalismus" übriggeblieben, die sich unter anderem darin äußert, dass der Chef / Arbeitgeber für den Mitarbeiter und dessen Familie in jeder Beziehung verantwortlich ist, aber auch Sonderrechte für sich beanspruchen kann, was in Europa vielleicht der Gedankenwelt des Feudalismus zuzuordnen ist. Entsprechend werden Vorteile erkauft, jeder nimmt sich, was er kriegen kann, in dem Gefühl, dass es ihm zusteht: dem Chef, weil er der Chef ist; dem Mitarbeiter, weil der Arbeitgeber die Pflicht hat, für sein Wohlergehen zu sorgen. Das gilt z.B. für Versicherungsleistungen, Gratis-Essen, aber auch Korruption und Bereicherung – für ein 200-Millionen-Bauwerk rechnet ein wohlbesoldeter Richter 400 Millionen ab, Wählerstimmen werden mit Vergünstigungen erkauft, "eine Hand wäscht die andere".

Immerhin ist die Berichterstattung über krasse Fälle solcher Bereicherung im Amt ein üblicher Bestandteil der Nachrichten in Fernsehen und Zeitung und nimmt darin etwa 30% der Inlandsberichte ein. 70% haben Gewalt und Verbrechen in irgendeiner form zum Thema; Auslandsnachrichten wird nur ein verschwindend kleiner Bruchteil an Zeit bzw. Platz gewidmet. Zur Bereicherung des Informationsangebots und natürlich auch als Erleichterung von Kontakten nach Deutschland sind wir dankbare Nutzer von moderner Technologie geworden: Satellitenprogramme, Internet und E-mail helfen mit, die neuen Erfahrungen einzuordnen.

Dieser Prozess ist natürlich noch nicht zu Ende, wir werden wohl auch im nächsten Jahr noch Überraschungen erleben und Widersprüche zu unseren Gewohnheiten verarbeiten müssen. Wir versuchen weiterhin, offen zu bleiben für alles, was auf uns zukommt, ohne uns selbst zu verleugnen, und unseren bescheidenen Beitrag zu einem beide Seiten bereichernden Kulturaustausch zu leisten.

Allen ein friedliches und erfolgreiches Jahr 2001!

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Stand: 28. Juni 2010