Das Expat - Storyboard:

Gunther:

Zweieinhalb Jahre Brasilienaufenthalt – ein Rueckblick

28.01.2002

Zweieinhalb Jahre Brasilien, in einer Kleinstadt 100 km vom naechsten Einkaufszentrum, mit Familie und 3 Kindern, heute zwischen 12 und 15 Jahren, mit Berufs- und Privatleben, mit Alltagsproblemen und Urlaubserlebnissen, gehen zu Ende. In zwei Wochen fliegen wir zurueck. Zurueck wohin? Was bleibt? Wie war das eigentlich?

  • Kulturelle Unterschiede: Vieles nimmt man schon nicht mehr wahr, am leichtesten fallen noch Einzelbeispiele ein:
    der Mietwagen zum Neupreis von ca 50 000 DM – Motor nicht richtig eingestellt, ein Fenster schliesst nicht, sodass es hereinregnet, der Kofferraum geht nur mit Tricks zu schliessen, ein Reifen undicht – soll man sich aufregen?

  • im interkulturellen Training hatten wir gelernt, man solle sich, auch als Ehepaar, oeffentlich nicht kuessen, nichtmal engeren Koerperkontakt zeigen 

  • vor dem Carnaval steht, wie letztes Jahr, in der Zeitung, dass aus Indien 8 Mio Praeservative per Luftfracht eingeflogen werden, damit sie noch rechtzeitig eintreffen. Geplanter Mehrverbrauch fuer die lustigen Tage: 15 Mio.

  • die Freundlichkeit der Menschen, auch und gerade wenn nichts funktioniert. Der offen zur Schau gestellte Stolz nach dem Attentat in den USA, auf die Friedlichkeit des Landes, in dem es weder Kriege noch Terrorismus gibt – andererseits: Nachdem der Buergermeister einer groesseren Stadt entfuehrt und ermordet wurde, konnte man in der Presse lesen, dass jaehrlich 40 000 Menschen ermordet werden (bei 160 Mio Einwohnern), in der Quote der Laender  Suedamerikas nur geschlagen von Kolumbien.

  • die enormen sozialen Unterschiede: Die Hausangestellte verdient 300 Reais (= DM) pro Monat, gehoert damit schon zur besserverdienenden Haelfte der Bevoelkerung und kann eine vielkoepfige Familie/Verwandschaft ernaehren, waherend die reiche Mittel/Oberschicht in riesigen Haeusern / Luxusappartments / Landguetern im Stil der alten Kaffeebarone zu leben strebt. Arbeit ist fuer Sklaven, wer es zu etwas gebracht hat, laesst arbeiten.

  • in laendlichen Gegenden der Mangel an Bildung, direkte Folge des schwachen Schulsystems: In der Zeitung wird mitgeteilt, dass das Energiesparziel fuer jeden Haushalt, eingefuehrt im letzten Jahr wegen einer Energiekrise, um 7,5 % gelockert wird, und danach wird erlaeutert, ohne jegliche Ironie, dass man dazu die betreffende Zahl mit 1,075 multiplizieren muesse – jetzt ist alles klar!

 

Zweieinhalb Jahre, wie war das eigentlich?
Das Durchwursteln durch die Sprachprobleme, trotzdem wurde man eigentlich nie als “Fremder” behandelt, Brasilien ist ein offenes Land. Danach die Feststellung, was fehlt: deutsches Brot und franzoesischer Kaese, Kino und Theater –sowie die kontinuierliche Entdeckung all dessen, was an Neuem dazukam:

  • Berge mit Urwald und Orchideen, Straende mit Palmen, je nach Auswahl uebervoll oder supereinsam, fremdartige Landschaften – eine Gegend voller Tropfsteinhoehlen, nur mit Carbidlampe und Fuehrer zu erforschen, der groesste Binnensumpf der Erde mit zahllosen Tieren, tropische Inseln mit reichem Unterwasserleben

  • gegrilltes Rindfleisch in zahlreichen Varianten, Caipirinha und tropische Fruechte

  • bei jeder sich bietenden Gelegenheit: Musik – Samba, Forro, Rhythmik, Bewegung, die Koerperbetontheit der Menschen

  • beruflich: Mangelnde Ausbildung und naturwissenschaftliches Verstaendnis wird durch Motivation und “den kleinen Trick” (“jeitinho”) ausgeglichen, wobei die hierarchische Struktur in paternalistischer Manier nicht nur die Macht, sondern auch die Wahrheit definiert: Zwei plus zwei wird fuenf, wenn der Chef es so will.
    Ansonsten finden sich die Gruppen, die sich gut verstehen, rasch zusammen, die, die eher arbeiten, die , die eher reden, die Aufrichtigen, die Ehrgeizigen, die Ineffizienten, die Motivierten – hier ist kein kultureller Unterschied feststellbar!

  • unsere Kinder: Lernten rasch, machten Freunschaften, integrierten sich in Schul-/Sport- und Sozialleben. Sahen Reichtum und Armut, Analphabetismus und Bildung, Fehlen und Vorhandensein von Lebensqualitaet, Korruption, die Demokratie in den Kinderschuhen jeden Tag mit eigenen Augen, und begriffen, dass man fuers Leben lernt, aus Freude am Verstehen, aus buergerlicher Verantwortung, um Geld zu verdienen. Eine Erfahrung, die sie sicher tief gepraegt hat.

 

Zweieinhalb Jahre, was kommt danach?
Man wird vertraute Personen und Freunde zuruecklassen; werden sich die alten Freunde aus Deutschland veraendert haben? Oder ist man es selbst, der sich veraendert hat? Deutschland, jetzt mit dem Euro, alles gut organisiert, die Menschen verschlossener, hoeherer Lebensstandard, weniger Weite, weniger Naturzerstoerung aber auch weniger Natur, dafuer Kino und Kaese! Deutschland ein Land der Ersten Welt, voller Drang, an der Spitze der Entwicklung  zu bleiben, oder schon der “Zweiten Welt” (man verzeihe mir den unsauberen Gebrauch des Begriffes an dieser Stelle), abgeschlagen im alten Europa gegenueber dem Fortschritt der USA?

 Deutschland, ein neues Abenteuer.

 Gunther Mair    

Weitere Beiträge + Fotos zum Brasilienaufenthalt - und wie es weiterging finden Sie auf der Homepage von Fam. Mair: => HIER KLICKEN

Inzwischen lebt die Tochter (wieder) in Brasilien, gibt es neue Berichte, Bilder und Videos.


Hier können Sie uns Ihre Kommentare (per E-Mail) mitteilen:


(hier klicken)

 

 

Copyright © 2000  IFIM GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Stand: 25. Februar 2015