Das Expat - Storyboard:

Silvia Strensch

Spenden und Wohltätigkeit...

31. Juni 2002

Impressionen aus Louisville, Kentucky (3)

Das hier jede Menge an Essen weggeworfen wird habe ich schon geschrieben. Es gilt als gut, wenn im Restaurant die Teller so voll sind , dass man sie nicht leer essen kann. Ebenso bei Festen. Sehr schlecht, wenn der Gast alles aufisst. Auf der anderen Seite gibt es hier dann sooo viel Hungersnöte, das es viele öffentliche Schulen gibt, in denen es morgens erst mal Frühstück gibt für die Kinder gibt, da sie hungrig sind. In fast allen Lebensmittelläden stehen fertig verpackte Essenspakete an der Kasse, die man kaufen kann um sie gleich hinter der Kasse in Tonnen zu tun, wo sie an die dementsprechenden Stellen weitergeleitet werden.  

Jeden Monat findet in Stephans oder Philipps Kindi/Schule eine Sammlung für mildtätige Zwecke statt. Mal geht es um Kleiderpakete für Kinder, dann um Gaben für Altersheime, dann um Babysachen und was noch alles. Alles sehr sinnvoll. Am Anfang haben wir ebenfalls gegeben und mitgemacht. Aber wenn man merkt, dass es ist ein Fass ohne Boden ist und sie mindestens monatlich pro Schule bzw. Kindi ein bis zwei neue Anlässe zum Zahlen und abgeben finden, fängt man an, sich zurückzuhalten.

Ich kann und will nicht sagen, dass in Deutschland alles rosig ist. Aber diese krassen Gegensätze sind es, die sehr erstaunlich sind. Und das ganze hört da ja nicht auf. Die Schulen schreiben den Eltern Briefe, dass Geld für die Ausbildung fehlt und man sollte doch dringend Spenden. Die Spende wäre freiwillig aber je Kind ist an eine Spende von 275 $ gedacht!!!! Wir haben nicht gleich reagiert und bekamen dadurch Anrufe, wie dringend das Geld benötigt wird ..... natürlich haben wir bezahlt.

Aber dann kommt das Ding mit Weihnachten: Denn es ist hier wohl so üblich, dass in den Kindergärten die Erzieherinnen mit einer "Kleinigkeit" zu Weihnachten beschenkt werden. Eigentlich ja kein so ein großes Ding, denkt Frau nach deutschem Maßstab. Jedoch hat alleine Philipp ca. 10 verschiedene Lehrer plus der Frauen im Office und Stephan hat ebenfalls mindestens 10 verschiedene Erzieher plus der Leute im Office. Gut, haben wir dann auch gemacht.

Am Anfang mussten wir 45 $ für die Elternkasse in der Schule berappen. Dafür machen Sie Kinderfeste wie Halloweenpaty, Rollschuhbahnfete und mehr, also gute Sachen, macht man natürlich mit und bezahlt. Dann 35 $ für die verschiedenen Kinderfeste in der Klasse selbst. 
Im November gab es eine Buchausstellung in Philipps Schulbibliothek mit Verkauf. 10% des Umsatzes geht an die Schule. Also kauft frau da auch was. Und um auch der einzelnen Bibliothek des jeweiligen Klassenraumes mal was neues zukommen zu lassen, sind während der Bücherausstellung Karten aufgestellt, welche Bücher sich die jeweiligen Lehrer noch für ihre eigene Klassenzimmerbuchsammlung wünschen. Innen hinein kommen vorgefertigte Kleber, damit man auch weiß, wer welches Buch gespendet hat und beim Vorlesen wird es auch nochmals gesagt. Ist jedes Kind natürlich stolz darauf, wenn das von Ihrer Mama ausgesuchte Buch ankommt und cool ist. Also, noch mal 15 $. Heute brachte Philipp einen Zettel mit nach Hause, dass die nächste Bookfair / Buchausstellung in 2 Wochen stattfindet.  

Nun haben wir erfahren, dass die Lehrer zum Schulabschluss ebenfalls ein Geschenk zu erwarten haben, da die Gehälter gering sind. Das sind sie tatsächlich. Sie liegen bei 20 000 bis 25 000 Dollar in der Privatschule. In den öffentlichen Schulen liegt es wohl etwas höher. Dieses Geldeinsammeln erfolgt noch, war bis jetzt nur die Vorankündigung. 
Dann macht Philipps Schule Anfang März eine Auktion. Versteigert werden Dinge, die von den Schülern gebastelt oder den Eltern gespendet werden. Für die Bastelaktionen wurden wir angeschrieben, dass wir einen Scheck über 35 Dollar je Kind zu schicken haben. Was will man machen, haben wir geschickt. Bei der Auktion geht es um kleine, aber auch um große Dinge. Die Auktion hat letztes Jahr 75 000 Dollar eingebracht. Hier spendet man zum Beispiel nagelneue Bohrmaschinen, Möbel, Bilder, Hotelaufenthalte, Friseurgutscheine, Kosmetikstudiobesuche, Partys, Feten, etc. nach oben keine Grenze.

Natürlich wird es von den Eltern ersteigert. Vielleicht noch von Verwandten. Können unsere ja froh sein, dass sie nicht da sind. So macht die Lehrerin von Philipps Parallelklasse zum Beispiel ein Photoalbum. Das macht sie wohl auch sehr schön und mit viel Mühe und Aufwand. Das Album wurde letztes Jahr für 750 Dollar ersteigert. Ab dann, wenn es ersteigert wird, kommen bis Schuljahresende hauptsächlich noch Bilder des Kindes hinein, dessen Eltern es ersteigert haben. Und so geht es fort.

Philipps Klasse macht einen Bettüberwurf. Der war neu ganz weis und die Kinder haben nun mit ihren Händen in blau und rot ihre Handabdrücke darauf gemacht in form der amerikanischen Flagge. Soll er ersteigert werden für 300 $ aufwärts (Mindesteinsatz 80 $). Dann noch eine Tischdekoration mit Teller und allem drum und dran für 6 Personen für Thanksgiving. Erwarteter Erlös ca. 300 $. 

Die Auktion selbst war dann wirklich interessant: Zum Ersteigern gab es im Prinzip alles, was man sich so vorstellen kann. Geschirr, Schmuck, Dekorationsartikel, Urlaube, Flugtickets, Bilder, Spielsachen, alles mögliche für den Garten, sogar Gartenmöbel, und, und, und..  Jemand brachte sogar umhäkelte Kleiderbügel. Besonders schön waren die Dinge, die von den jeweiligen Klassen gemacht wurden. Des weiteren wurden Stunden mit den Lehrern versteigert zum ins Kino gehen etc. und sogar die Benamung der Strasse vor der Schule mit seinem eigenen namen für ein Jahr. Ging für 500 $ weg. Insgesamt hatten wir einen lustigen Abend und sind mit 118$ an ersteigerten Dingen herausgelaufen. Das erscheint evtl. viel, ist aber wirklich wenig. Denn insgesamt wurden ca. 70 000$ eingenommen. Ein paar haben also sehr tief in die Tasche gelangt.
Dann z.B. Valentinstag. Für uns keine so große Sache. Philipp bringt einen Zettel drei Wochen  vorher mit Heim, dass bitte alle Kinder rechtzeitig Ihre "Valentines" mitbringen sollen. Ich frage also im Carpool eine Mutter, was ich darunter zu verstehen habe. Also, kleine Kärtchen oder Briefe mit vorgedruckten Texten, die jedes Kind für die jeweils anderen Kindergartenkinder hat. Viele mit etwas Süßem dran. Ich zu Felix: " da mache ich nicht mit!" Je näher Valentine rückte, desto mehr Erinnerungszettel kamen, bis hin, dass sie hoffen nicht am Abend vorher anrufen zu müssen um nach den Valentines zu fragen für die Valentinesklassenparty! Und drei Tage vor Schluss, bringt Stephan genauso eine Aufforderung mit, 16 Valentineskarten für die Gruppenmitglieder mitzubringen.

Ich meine, weinende Kinder am Valentinestag möchte auch ich nicht haben und mein Konsumgeplappere interessiert 4 und 6 jährige nun mal nicht, wenn sie die einzigsten sind, die nichts für die anderen haben, die sich soooo lieb haben.  Also ich los und noch solche Karten gekauft, alle namen eingetragen, Philipp unterschreiben lassen, für Stephan habe ich es gemacht. Und beide kamen am Valentinestag mit Massen von Valentineskarten und Briefen nach Hause, oberglücklich und natürlich jeder Menge Süßigkeiten. Ufff, gerade noch geschafft. Nein, ich habe von Felix nichts bekommen, er war verreist. Mache ich vielleicht das nächste mal auch. J 

Vieles fällt mir wahrscheinlich gerade nicht ein, aber momentan reagieren wir auf Anfragen, die 'Geld ausgeben' meinen etwas allergisch. Ich werde mich hüten es laut zu sagen, denn es wäre ja Kritik an den Amerikanern, (oder zumindest, wie es hier in Louisville ist), und das ist etwas sehr Kritisches und außerdem sind wir hier zu Gast. Aber es kommt ja noch Ostern, das Derby und für den Mai fällt ihnen sicher auch noch was ein, wo wir zu zahlen haben. Vielleicht habt ihr nun etwas Verständnis für uns und unsere Reaktion. 

Dann hat Philipp 2 Monate im YMCA Basketball gespielt. Natürlich haben wir dafür bezahlt,  52 $ für 2 Monate. Inzwischen bekamen wir und Philipp auch hier mehrfach Briefe wegen Spenden.
Das Basketball  hat ihm sehr viel Spaß gemacht und das muss man ihnen lassen, sie können hier die Kinder super motivieren. Zum Abschluss nach der Saison und allen Spielen gab es für jedes Kind einen Pokal. Philipp war irre stolz und wollte sofort die nächste Sportart machen, Stephan stand enttäuscht daneben, war er doch bei jedem Training und bei jedem Spiel dabei und bekam nichts. Die Tränen flossen. Somit war klar, er will auch was machen.
Nun machen Philipp und Stephan einen Schwimmkurs im Februar (8 mal schwimmen) und nehmen am Fußball Teil im März und noch bis Mitte April. Ebenfalls beim YMCA. Kosten für diese 2,5 Monate 202 Dollar. Mal sehen, wann die ersten "freiwilligen" Spendenbriefe eintrudeln. 

Was mir an der Sache nicht ganz klar ist, ist folgendes. Ist man in Deutschland Mitglied in einem Verein kostet der im Jahr wahrscheinlich 500 Mark. Dafür kann man dann im Fußball, im Handball, im schwimmen etc. teilnehmen. Nur selten kommen noch extra Kosten auf einen zu. Wollen wir Mitglied werden im YMCA kostet das 640 Dollar im Jahr (plus einmalig 140 Dollar Anmeldegebühr) , aber für die Kurse wie Kinderfußball etc. kämen dennoch zusätzlich ca. die Hälfte der Gebühren drauf. Und das, wo der Durchschnittsgehalt von den Leuten hier bei 20 000 bis 30 000 Dollar pro Jahr betragen. Also frage ich mich, wie wird -egal  wo - das Geld eingesetzt und wie ausgegeben? 

Dazu kommt noch, als letzten Samstag die Fußballsaison eröffnet wurde und wir um 10.00 Uhr zu Stephans Altersgruppenzeit dort eintrafen, waren Massen von  3-5 jährigen da. Es sind 26 Gruppen in seinem Alter mit ca. 10 -12 Kinder je Gruppe. Es wurde also durchs Megafon alles Wissenswerte erzählt und mitgeteilt, unter anderem auch, dass sie 26 Gruppen , aber nur 9 Trainer hätten. Sie brauchen Freiwillige und meinten es wäre leicht, sie geben den freiwilligen Trainern alle Anweisungen und Hilfsmittel, die man bräuchte um so Kleine zu trainieren.

Bei Stephans Gruppe fanden sich 2 Väter von Kindern seiner Gruppe und somit sind die Frauen aus dem Spiel, die dort extra als Freiwillige angesprochen wurden. In Philipps alter waren es um 12.00 dann 19 Gruppen mit ca. 10-14 Kindern - glücklicherweise fehlten da keine Trainer bzw. freiwilligen Papas. Die Kinder bekommen jeder noch ein paar Socken und ein T-shirt mit YMCA Aufdruck geschenkt, was ihnen natürlich super gefällt. Stephan bekommt seines erst kommenden Samstag, da sie für diese Gruppe einen Sponsor fanden und der Aufdruck noch darauf muss. Gespielt wird mit den Bällen, die Kinder mitbringen und immer im Freien. Bei schlecht Wetter fällt es aus und der Termin wird hinten angehängt.  

Man muss schon sagen, sie organisieren es super, nehmen jeden der mitmachen will, jeder bekommt noch ein Teamphoto (die werden kommenden Samstag gemacht) und die Kleinen bekommen alle einen Pokal, natürlich aus Kunststoff und ohne besondere Aufschrift, aber die Kurzen sind sehr stolz darauf! Dennoch, standen allein um 10.00 Uhr plus 12.00 Uhr ca. 20 000 Dollar Teilnehmergebühren auf dem Platz. Und es war nur der YMCA Südost.

Na wie auch immer, so ist es halt!

 


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Stand: 28. Juni 2010